Wirklichkeiten in der Kommunikation

Bei unseren bisherigen Überlegungen haben wir den jeweiligen Gesprächsgegenstand als gegeben, als real hingenommen, im Einzelfall, z.B. beim Kommunikationsquadrat, als abhängig vom jeweiligen Ohr, mit dem die Nachricht aufgenommen wurde. Das reicht nicht aus. Wir müssen davon ausgehen, daß Sender und Empfänger die Wirklichkeit unterschiedlich empfinden. Treffen sich zwei Menschen im Harz, sagt der eine: Wie hoch die Berge sind! Antwortet der andere: Überhaupt nicht! - Die Lösung ist naheliegend, der erste wohnt auf einer Nordseeinsel, der zweite in Garmisch!

Für beide ist die Wirklichkeit, so wie sie jeweils sehen, im verwendeten relativen Bewertungsschema (Berge sind hoch, bzw. Berge sind nicht hoch), absolut wahr und richtig und falls bei diesem Gesprächsstand keine Auflösung erfolgt ("auf unserer Insel gibt es nichts, was höher ist als 10 Meter" - "ach so, ich sehe tagtäglich die Zugspitze vor mir"), kann die Kommunikation nur destruktiv verlaufen, da jeder für seine Wahrheit streitet.

"Gelingt es Sender und Empfänger nicht, in einer identischen Wirklichkeit miteinander zu kommunizieren, so ist ein gegenseitiges Verstehen nicht möglich." (Linus Geissler; www.linus-geisler.de/ap/ap04_zuhoeren.html#ap04d)

Paul Watzlawick verdeutlicht das Phänomen der unterschiedlichen Wirklichkeiten in seinem Buch, "Wie wirklich ist die Wirklichkeit?", mit sehr eindrucksvollen Beispielen. Eine Laborratte erklärt einer anderen Ratte das Verhalten des Versuchsleiters so: Ich habe diesen Mann so trainiert, daß er mir jedes Mal Futter gibt, wenn ich diesen Hebel drücke! - Für den Versuchsleiter ist die Reizreaktionsfolge zwar gleich, aber er sieht in ihr eine andere Gesetzmäßigkeit, als die Ratte. "Obwohl beide also dieselben Tatsachen sehen, schreiben sie ihnen zwei sehr verschiedene Bedeutungen zu und erleben sie daher buchstäblich als zwei verschiedene Wirklichkeiten." (Watzlawick, a.a.O)

Es gibt sehr viele Wirklichkeitsauffassungen, die alle unterschiedlich sein können: Ein Mann kommt in den Himmel und trifft dort einen alten Freund, auf dessen Knien ein wunderhübsches junges Mädchen sitzt. "Phantastisch," sagt der Neuankömmling, "ist sie deine Belohnung?" "Oh nein," sagt der alte Mann traurig, "ich bin ihre Strafe." (Watzlawick, a.a.O)

Watzlawick nennt den Glauben, es gäbe nur eine Wirklichkeit, "die gefährlichste all dieser Selbsttäuschungen."

Es gibt auch keine absolute Wirklichkeit, sondern nur subjektive, zum Teil widersprüchliche Wirklichkeitsauffassungen. Wirklichkeitsaspekte, die auf dem Konsens der Wahrnehmung der Beteiligten und auf experimentellen, wiederholbaren und daher verifizierbaren Nachweisen beruhen, entsprechen der Wirklichkeit 1. Ordnung. Die Wirklichkeit 1. Ordnung ist nach Watzlawick mit naturwissenschaftlichen Methoden in physikalisch-chemischen Kategorien unzweideutig beschreibbar. Von ein und derselben Sache kann es jedoch sehr viele Wirklichkeiten 2. Ordnung geben, von denen jede subjektiv und sich gesehen "wirklich" ist.

"Die Sonne scheint" ist eine Wirklichkeit 1. Ordnung, die jederzeit naturwissenschaftlich nachzuweisen ist und von jedermann beobachtet werden kann. "Die Sonne scheint heiß" ist demgegenüber eine Wahrheit 2. Ordnung, schon der Nebenmann kann das anders empfinden, und ein Beobachter auf dem selben Längengrad weit im Norden, der die selbe Sonne beobachtet, wird ebenfalls seine eigene Wirklichkeit verspüren.

Hier drängt sich die Frage auf: Wie ist Kommunikation, als eine Verbindung zwischen zwei individuellen Wirklichkeiten überhaupt möglich? Thure von Uexküll, Nestor der Psychosomatischen Medizin (gest. 2004), gibt die Antwort: " Nur dadurch, daß es ihnen gelingt, eine gemeinsame Wirklichkeit aufzubauen."

ER sagt: "Bei meiner Mutter hat der Sauerbraten aber besser geschmeckt." SIE antwortet schnippisch: "Ich mache es aber genau so, wie ich es bei meiner Mutter gelernt habe." Hier wird mit Wahrheiten 2. Ordnung argumentiert, die die gemeinsame Wirklichkeit ausschließen. Wie kann eine gemeinsame Wirklichkeit gefunden werden? Hier können beide die Feedbackmethode anwenden, um zu erfahren, was der Gesprächspartner eigentlich mit seiner Äußerung gemeint hat. Was hat IHM beim Sauerbraten der Mutter besser geschmeckt? Wieviel davon ist der Erinnerung zuzuschreiben, die uns alles vergrößert, verschönt, verbessert? Was hat IHRE Mutter anders gemacht? Was könnte die Ursache sein, daß es IHM heute anders schmeckt? Auf dieser Basis baut dann die gemeinsame Wirklichkeit auf, die den destruktiven Anteil der Kommunikation eliminiert.
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