Lebensregeln der Ursprungsfamilie

Hiermit haben wir einen direkten Übergang vom Lebensmodell zu den Lebensregeln gefunden. Nachdem das Lebensmodell beschreibt, wie die gemeinsame Basis eines Ehe- oder Elternpaares aussieht, beschreiben die Lebens- oder Familienregeln, wie das Paar dieses Modell den Kindern vermitteln will. Natürlich ist auch vorstellbar, daß sich zwei Menschen, die zusammenleben, explizite Regeln für die Durchführung des gemeinsamen Lebens formulieren, aber diese Art dürfte eher selten sein. Beschränken wir uns hier auf die Familienregeln, die es in jeder Familie gab und gibt und die uns und unser Leben, einschließlich des Zusammenlebens mit dem späteren Partner nachhaltig beeinflußt haben. Wir müssen uns dabei immer vor Augen halten, daß wir nach den Ursprüngen der Verhaltensweisen suchen, die unsere Kommunikationsfähigkeit und - bereitschaft ursächlich ausmachen.

Bei den Regeln müssen wir unterscheiden, ob sie aus dem Lebensmodell heraus entstanden sind, oder als Erziehungshilfe formuliert wurden. Die ersteren dürften vorwiegend nonverbaler Natur sein, da sich das Lebensmodell im Unbewußten entwickelt und weiterentwickelt, diese Art von Regeln also nicht ausgedacht werden. Sie sind "ex tunc" vorhanden, wie der Jurist sagt: Von einem früheren Zeitpunkt an. Ganz im Gegensatz dazu die Erziehungs-Regeln. Sofern sie nicht lebensnotwendig sind "(Nie mit einem fremden Mann mitgehen!"), können sie auch Ausdruck nicht ausreichenden, beispielhaften Vor-Lebens sein. Ich muß nur dann formulieren: Nicht an den heißen Herd fassen! Nicht den Hund am Schwanz ziehen! wenn ich es durch mein Vorbild nicht einprägsam genug vermitteln konnte. Diese Regeln werden zu einem definierbaren Zeitpunkt verbal formuliert, z.B., wenn das Kind begonnen hat, die nähere Umwelt zu erforschen.

Als letzte Kategorie bleiben die Regeln, die die eigene Hilflosigkeit der Eltern demonstrieren; eines der Paradebeispiele hierfür ist der Satz: Das tut man nicht! Wenn "man" es nicht tut, die anderen, alle "es" nicht tun, dann bedarf es ja keiner Erklärung, keiner Begründung mehr, dann ist es eine Universalklausel, wie: Man bringt niemand um! Dadurch entsteht eine - oft gewollte - Tabuisierung (z.B.: Man widerspricht keinem Erwachsenen, keiner Respektsperson!), die zwar im Moment dazu führt, daß der Jugendliche bei Befolgung dieser Regel seinen Eltern weniger Probleme bereitet, was aber bedeuten kann, daß der so reglementierte Mensch in seinem späteren Leben die Fähigkeit verloren hat, sich mit anderen verbal auseinanderzusetzen! Widerspruch, eine andere Meinung äußern, gehört unabdingbar zur Kommunikation. Wenn ich mich ständig zurückhalten muß, weil ich verinnerlicht habe, daß ich nicht widersprechen, eine andere Ansicht haben darf, dann werde ich in einer Auseinandersetzung zwangsläufig die ruhige Argumentationsphase überspringen und, mich in die Enge getrieben fühlend, aggressiv fortfahren.

Wir stellten weiter oben recht allgemein fest, daß die individuelle Entwicklung in hohem Maße von der Umwelt geprägt wird. Dazu gehören neben den Eltern, bzw. Familie, die den Haupteinfluß ausüben, noch Schule, Ausbildungs- und Arbeitsplatz, sowie die Clique in der Freizeit.

Wenn man betrachtet, wie leicht z.B. Schule oder Arbeitsplatz gewechselt werden, dann ergibt sich daraus, daß die emotionale Prägung dieser Institutionen nicht den Stellenwert hat, wie die der Familie. Trotzdem darf der Gruppenzwang, und die dadurch stattfindende Aufoktroierung von Verhaltensmustern, die gerade auch von einer Clique ausgeht, nicht unterschätzt werden. Auswirkungen auf die Durchführung der partnerschaftlichen Kommunikation können also keinesfalls außer Betracht bleiben. Berücksichtigt man aber die Unterschiede in Art und Dauer der Beeinflussung zwischen Familie und - bleiben wir beim frei gewählten Umgang - der Clique, kann der Einfluß der letzteren bei weitem nicht mit der langjährigen, frühkindlichen Prägung mithalten. Vor allem auch deshalb nicht, weil, wie in der Literatur immer wieder beschrieben, ein bewußter Bruch mit der Gruppe samt allen Zwängen möglich ist. Dieser Vorgang ist auf die internalisierten Verhaltensmuster kindlicher Prägung so nicht anwendbar!
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