Unvollständige Kommunikation

Auf einer etwas anderen Ebene spielt sich die unvollständige Kommunikation ab. (IBW, Gesprächstechniken der Paar- und Familien therapie, S. 124,ff). Dabei wird vom Sender die eigentliche Nachricht nur in Teilen, eben nicht vollständig, weitergegeben, so daß der Empfänger, um den Sinn zu verstehen, darauf angewiesen ist zu raten. Wenn die (unvollständige!) Botschaft in ihren verbalen und nonverbalen Teilen übereinstimmt, sprechen wir von kongruenter, ist sie in sich widersprüchlich, von inkongruenter Kommunikation.

Nehmen wir als Beispiel wieder die Mülleimerszene. ER kommt aus dem Büro nach Hause, SIE hat sich den ganzen Tag im Haushalt abgehetzt, macht gerade das Abendessen und stellt fest, daß der Mülleimer voll ist. Eine unvollständige, aber kongruente Botschaft wäre der Ausruf: "Jetzt ist dieser Mülleimer schon wieder voll!" Unvollständig natürlich, weil der zweite Teil der Botschaft, was mit dem Eimer zu geschehen hat, nicht folgt. Es könnte ja auch sein, daß laut Arbeitsteilung innerhalb der Familie der Sohn an diesem Tag den Eimer zu leeren gehabt hätte. Die Kongruenz ist deshalb gegeben, weil - wie aus der Wortwahl zu schließen - es sich um einen ärgerlichen Ausruf über einen ärgerlichen Sachverhalt handelt.

Es widerspricht zwar aller Lebenserfahrung, aber die Botschaft könnte natürlich dann auch inkongruent sein, wenn SIE diesen Satz mit zuckersüßer Stimme singen würde! Suchen wir uns aber ein realistischeres Beispiel. SIE sagt, allerdings in gespielt freudigem Tonfall (mit Betonung auf den markierten Silben): Es ist ja wirklich phantastisch, jetzt ist dieser wunderbare Mülleimer endlich einmal voll!" Mit dieser Botschaft kann der Empfänger nichts anfangen, sie ist inkongruent. Weder Wortwahl noch Tonfall passen zur Realität, ein voller Mülleimer ist ja i.d.R. nichts Positives.

Wir haben weiter oben erörtert, daß Männer lösungsorientiert und gradlinig sind (man höre sich nur den Monolog von Professor Higgins in "My fair Lady" an:

Men are so honest, so thoroughly square;
Eternally noble, historically fair!).

Die gradlinige Lösung (um bei Prof. Higgins zu bleiben) für die kongruente Botschaft ist, daß ER sagt, "dann bringe ich dir den Müll halt runter". Bei der inkongruenten Botschaft ist die männliche Reaktion ganz anders. Gerade die Differenz zwischen Tonfall und der hintergründigen Kernaussage, empfindet ER als bitterbösen Sarkasmus, als ob nicht SIE selbst den ganzen Abfall verursacht hätte! Womit die Notwendigkeit, die Leerung anzubieten, für ihn achselzuckend entfällt.

Es ist vollständig unerheblich, ob der Empfänger die unvollständige Botschaft durch Raten oder sonstwie entschlüsseln kann, oder ob er nachfragen muß. Der Weg in den oben genannten "Teufelskreis der Kommunikation" (Schulz von Thun) ist nicht weit. Fehlt dem Empfänger die Möglichkeit, die fehlenden Aussageteile zu interpolieren, oder unterscheidet sich beispielsweise der Nachrichteninhalt allzu sehr von der Stimmlage des Senders, wird sich der Empfänger angegriffen oder hilflos fühlen und dadurch eine Aggressivität entwickeln, die in den Teufelskreis führt. Ob es nun zu der schnellen Lösung, die durch die feedback-Methode gegeben wäre, kommt, hängt von verschiedenen Faktoren ab. Ganz banal z.B. davon, ob der Empfänger diese Technik als Kind vermittelt bekommen oder im Laufe seines Lebens erlernt hat. Viele Eltern motivieren ihre Kinder nicht zu Rückfragen, bzw. gehen aus Bequemlichkeit nicht darauf ein oder reagieren verärgert. So bekommt das Individuum vom Kindesalter an vermittelt, daß Aussagen (von Respektspersonen, wie Eltern, Lehrern, usw.) absolut sind und hingenommen werden müssen. Die Rückkopplung erhält somit eine negative Prägung, die bis in's Erwachsenenalter gilt.

Ein nicht unwesentlicher Faktor ist auch der Bildungsstand, je höher dieser ist, um so größer ist die Wahrscheinlichkeit, daß der Empfänger (aber das gilt auch für den Sender) für solche Situationen hilfreiche Kommunikationstechniken kennengelernt hat.
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