Verdrängungsstrategie

Findet in einer Beziehung keine offene Kommunkation statt, d.h. wird eine Diskussion über die Verschiedenartigkeit der Bedürfnisse und Gedanken unterdrückt, und werden diese nur unterschwellig übermittelt, dann spricht man von verdeckter Kommunikation (IBW, Gesprächstechniken der Paar- und Familientherapie, S. 26, ff). Natürlich kann jede Kommunikation "verdeckt" geführt werden, aber wir sprechen hier ja gezielt über die Paarsituation.

Wie kann es erklärt werden, daß es gerade in einer mehr oder weniger engen Paarbeziehung zu einer Ausklammerung der eigenen Bedürfnisse kommt? Eine ganze Reihe von Gründen haben wir oben schon behandelt. Nach der Lebenserfahrung kommunizieren mehr Frauen, als Männer verdeckt. Das ist nicht zuletzt auf die geschlechterspezifische Erziehung zurückzuzuführen, die die weibliche Dulderrolle lehrt. Dann kommt es auf das elterliche Lebensmodell, auf die Familien-regeln, auf die explizite Erziehung an, welche Rolle wurde der Mutter hier zugestanden? Konnte das Kind (also vorwiegend das Mädchen) Selbstbewußtsein entwickeln? Sind die Vorzeichen vorwiegend negativ, und hat in der weiteren Entwicklung keine "Umpolung" stattgefunden, ist die (der) Betreffende prädestiniert für die verdeckte Kommunikation.

Neben den genannten gibt es aber noch weitere Gründe als Auslöser für diese verbreitete Verhaltensweise. Einer der wichtigsten ist bei Ehepaaren in der Art der Beziehung zu finden, die die beiden Partner zueinander unterhalten, also letztendlich auch abhängig vom Zweck der Gemeinschaft, bzw. Ehe. Wenn der Fortbestand der Ehe größeres Gewicht hat, als das Wohlbefinden des Einzelnen, wenn (man)/Frau also lieber Ungemach erduldet, als auf die finanziellen und sozialen Vorteile zu verzichten, die der Fortbestand der Ehe bietet, dann führt, rein kommunikativ betrachtet, der Weg in die verdeckte Kommunikation!

Um eine Erklärung zu finden, warum man/frau sich so verhält , müssen wir uns nach dem Grund fragen, aus dem diese Partnerschaft geschlossen wurde. Entwicklungsgeschichtlich gesehen ist der Hauptgrund einer Verbindung die Arterhaltung, was - zweckorientiert und nicht als einziger Grund - für einen kleineren Teil der Ehen auch heute noch gelten mag, man denke nur an Familienbetriebe, Landwirtschaft oder Adelshäuser: Die Firma, der Hof, der Titel soll in der Familie bleiben.

Für Frauen spielt der Versorgungsgedanke für sich selbst und zukünftige Kinder eine wesentliche Rolle (entwicklungsgeschichtlich: Brutabsicherung), wobei in diesem Zusammenhang natürlich auch noch die Männer zu sehen sind, die aus ihrer kindlichen Unselbständigkeit nicht herausfinden und zwingend einen Mutterersatz suchen. Im weiteren Sinne gehört dazu auch noch der Wunsch, durch die Bindung in der Ehe sozial aufzusteigen, wie es sonst vielleicht nicht möglich gewesen wäre.

Für unsere Überlegungen ist als Ehezweck noch relevant, einen Partner zu haben, der anders ist, als man selbst, der vielleicht Eigenschaften hat, die man an sich vermißt. Man kann am Anderen das Selbstbewußtsein bewundern, die Stärke oder innere Ruhe, über die man persönlich nicht verfügt. Gegensätze ziehen sich an! Es kann, ganz konträr dazu, natürlich auch sein, daß der Partner ausgesucht wird, der das geringste Konfliktpotential verspricht, dem eigenen Selbst möglichst nahe kommt. Gleich und gleich gesellt sich gern!

Wohlgemerkt: Wir stellen diese Überlegungen nur im Zusammenhang mit unserem Thema an, befassen uns hier also nur mit dem kommunikativen Aspekt und klammern alles andere aus! Ist also die Partnerschaft (nach obigen Schemata) vorwiegend zweckorientiert, und erweist sich die ursprüngliche Voraussetzung, unter der man sich zur Ehe entschlossen hatte (Sicherheit, sozialer Aufstieg, bewunderte Charaktereigenschaften, usw.), als falsch, dann führt diese Frustration in einer Art Verdrängungsstrategie zum Schweigen über die eigenen Bedürfnisse - man/frau will den Fortbestand der Beziehung nicht gefährden!

Wir müssen noch einmal zu den Überlegungen zurückkehren, die wir eingangs dieses Kapitels angestellt haben. Dort sprachen wir noch von anderen Gründen, die zur Ausklammerung der eigenen Bedürfnisse führen (Prägung in der Ursprungsfamilie, Entwicklung der Persönlichkeit, usw). Jetzt können wir die Parallelen ziehen: Wenn das Mädchen zur Dulderrolle erzogen, wenn ihr kein Selbstbewußtsein vermittelt wurde, wenn sie ihre Mutter in der selben Rolle erlebt hatte, dann führt auch hier die Frustration letztendlich zur verdeckten Kommunikation.

Die Partner müssen jedoch lernen, ihre Bedürfnisse und Gefühle gegenüber dem anderen auszudrücken. ohne daß dieser sich angegriffen oder verletzt fühlt. Gelingt das nicht, und werden "...Diskussionen über die Verschiedenartigkeit der Bedürfnisse und Gedanken jedoch unterlassen, wird ein großer Teil der Kommunikation verdeckt. Das heißt, es findet keine offene Kommunikation statt, sondern die Bedürfnisse werden dem anderen unterschwellig übermittelt." (IBW, a.a.O.)

"Hättest du nicht Lust, Essen zu gehen, da hat doch ein neues Lokal aufgemacht," sagt die Frau, die am Sonntag nicht wieder stundenlang am Küchenherd stehen möchte, zu ihrem Mann.

"Möchtest Du nicht in's Kino gehen, da kommt der neue Film mit Julia Roberts, die dir so gut gefällt," sagt die Frau, die endlich wieder unter Menschen möchte!

Wenn der Empfänger nicht versteht, daß es sich bei diesen, an ihn gerichteten "Angeboten" eigentlich um verdeckte Bitten des Senders handelt, dann wird er die Partnerin mit einer Ablehnung vor den Kopf stoßen, ohne es beabsichtigt zu haben. Es ist sogar möglich und wahrscheinlich, daß bei einer späteren Auseinandersetzung dieses nicht explizit geäußerte Bedürfnis zu heftigen Vorwürfen führt: Immer muß ich am Herd stehen, nie komme ich unter Menschen!

Dieses Verhaltensmuster, Probleme nicht zu formulieren, sondern bestenfalls unterschwellig weiterzugeben, ist reine Verdrängungsstrategie. Dabei findet zwar auch Kommunikation statt, die sich, auch wenn sie nicht offen destruktiv ist, für die Beziehung aber als mindestens genau so zerstörerisch erweist.
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