Ich-Botschaften

Das Argumentieren im Erwachsenen-Ich bietet alleine natürlich noch keine Gewähr für konstruktive Kommunikation, es kommt auch noch auf die Art der Botschaft an, die ausgesandt wird. Leider sind es - bleiben wir bei dem oben skizzierte Fall - vorwiegend Du-Botschaften, mit denen auf einen derartigen Angriff ("...wenn man Dich schon mal was machen läßt!") reagiert wird, so z.B.: "Du machst mich mit Deiner Bemerkung ganz konfus!"

Selbst wenn die Nachricht eo ipso nichts anderes ist, als die sachliche Beschreibung eines Zustandes, wird der Empfänger immer einen Vorwurf heraus hören; ein typisches Merkmal für Du-Botschaften. Würde SIE stattdessen von ihren Empfindungen etwas preisgeben, die in der Konsequenz der Äußerung ihres Mannes entstanden sind, dann könnte SIE eine Ich-Botschaft aussenden. Eine Möglichkeit wäre: "Ich fühle mich jetzt ganz konfus!" Die übermittelte Information ist diegleiche, der Empfänger gerät aber nicht in die Situation, sich verteidigen zu müssen. Mit der Ich-Botschaft kann somit der sich ansonsten anbahnende Streit vermieden werden.

Das Teufelskreis-Modell nach Schulz von Thun

Nicht jede Kommunikationsproblematik hat einen derartig konkreten Hintergrund, wie das letzte Beispiel. [Fliessendes Objekt]

Nach dem Teufelskreis-Modell (www.schulz-von-thun.de) lassen sich viele Auseinandersetzungen zwischen Paaren auf das sich dynamisch fortsetzende, gegenseitige Mißverstehen zurückführen. Die Beteiligten erleben sich "nur" als Reagierende auf das Verhalten des anderen. Watzlawick schildert in diesem Zusammenhang als Beispiel ein Ehepaar, bei dem SIE sich beklagt, vom Mann alleine gelassen zu werden und ER deshalb weggeht, weil er die ständigen Klagen seiner Frau nicht mehr hören will.

Das Kommunikationsquadrat nach Schulz von Thun

Hätte dieses Ehepaar das Kommunikationsquadrat von Schulz von Thun gekannt, hätte es aus dem Teufelskreis ausbrechen können! Von Thun hat mit diesem auch als "Vier-Ohren-Modell" bekannten Erklärungsansatz (www.schulz-von-thun.de/mod-komquad.html) eine eindringliche Darstellung der zwischenmenschlichen Kommunikation geschaffen.[Fliessendes Objekt]

Danach ist jede Äußerung auf vierfache Weise wirksam:

als Sachinformation (worüber informiert wird)
als Selbstkundgabe (was ich von mir zu erkennen gebe)
als Beziehungshinweis (was ich vom Gegenüber halte und wie ich zu ihm stehe)
als Appell (was ich bei meinem Gegenüber erreichen möchte)
Ein einfaches Beispiel aus dem Alltag unseres Paares soll verdeutlichen, was damit gemeint ist. ER sagt zu IHR: Schön, daß du mal wieder einen Kuchen gebacken hast!

An dieser Stelle wird es - gerade im Hinblick auf das weiter oben Erörterte - evident, wie vielschichtig die menschliche Kommunikation ist, wovon es überall abhängt, wie eine Äußerung des Senders beim Empfänger ankommt. Würde ER aus seinem kritischen Eltern-Ich heraus sprechen und SIE sich in's Kind-Ich versetzt fühlen, würde die Kommunikation vermutlich gemäß dem eben skizzierten Teufelskreis verlaufen.

Kommen wir auf unser Beispiel zurück: Der Sachinhalt der Bemerkung ist: "Der Kuchen schmeckt mir gut!" Die Selbstoffenbarung: "Ich habe Kuchen lange vermißt!" Der Beziehungshinweis: "Du vergißt zu oft, daß ich Süßes mag!" und der Appell: "Back mal öfter!"

Wir müssen uns bewußt werden, daß die Nachrichten, die wir austauschen, mehrere Botschaften gleichzeitig enthalten und daß die informelle keinesfalls die wichtigste sein muß. Hier liegen Segen und Fluch der Paarkommunikation nahe beieinander: Ein Paar (laut Duden zwei zusammengehörende Personen) sollte sich so gut kennen, daß die Bedeutung aller vier Botschaften zumindest andeutungsweise erkannt wird, die Realität lehrt uns jedoch, daß dies selbst bei langjährigen Ehepaaren sehr häufig nicht der Fall ist.

Die Komplexität des Vorganges wird dadurch noch erhöht, daß beide Seiten - gesetzt den Fall, der Empfänger hat alle vier Botschaften entschlüsselt, oder zumindest in ihrer Bedeutung annähernd erfaßt - die Kernaussage nicht in der selben Botschaften sehen müssen. Je nach dem, welches der vier Ohren (nach Schulz von Thun das Sachohr, das Selbstoffenbarungsohr, das Beziehungsohr, das Appellohr) die Nachricht aufnimmt, bzw welche der vier Botschaften bevorzugt wird, so unterschiedlich kommt die Nachricht an.

Betrachten wir das anhand unseres Beispiels. ER möchte IHR klarmachen, daß es seinem Gefühl nach schon lange mal wieder Kuchen hätte geben können. Da er das aber so nicht formulieren will, umschreibt er es mit der indifferenten Äußerung, es sei schön, daß sie mal wieder Kuchen gebacken habe. Er offenbart sich selbst, indem er mit dem "Selbstkundgabe-Schnabel" (Schulz von Thun) seine Intention zwar äußert, sie allerdings neutral verpackt. SIE nimmt die Botschaft beispielsweise mit dem Appell-Ohr auf und hört daher primär nicht, es sei schön, daß sie "mal wieder" gebacken habe, sondern vordergründig den Appell, daß das nicht oft genug gewesen sei!

Nach Prof. Linus Geisler "...neigen beispielsweise Männer in technischen oder akademischen Berufen dazu, selektiv mit dem Sachohr zu hören und außer dem Sachinhalt einer Nachricht keine der anderen Botschaften zu empfangen. Ehepaare hingegen, insbesondere, wenn sie sich in einer kritischen Phase befinden, empfangen nur noch auf dem Beziehungsohr und sind zu einer sachlichen Aussprache nicht mehr in der Lage. Sie liegen sozusagen ständig auf der "Beziehungslauer."" (www.linus-geisler.de/ap/ap05_botschaften.html)
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