Lebensmodell der Eltern allgemein

Jeder Mensch ist das Produkt aus Vererbung und Umwelt. Während wir die Vererbung (heute und in absehbarer Zeit in entscheidendem Umfang noch) nicht beeinflussen können, ist die Prägung durch die Umwelt von entscheidender Bedeutung für das Verhalten des Individuums von frühester Kindheit an bis zum Tode. In der Phase der Primären Sozialisation, also in den allerersten Lebensjahren, wenn sich das kindliche Leben noch fast ausschließlich im Schoße der Familie abspielt, werden die Grundzüge des späteren Verhaltens entscheidend geprägt. Zum einen durch die bewußten, von den Eltern gesteuerten Erziehungsmaßnahmen, zum anderen durch das unbewußte Übernehmen des von den Eltern vorgelebten "Lebensmodells". Die Erziehung wird natürlich maßgeblich durch die Grundsätze bestimmt, die durch das elterliche Lebensmodell präjudiziert sind.

Dieses von den Eltern unbewußt entwickelte Modell wird durch eine Vielzahl von Faktoren geprägt. Angefangen bei den (jetzt inzwischen Großeltern-) Lebensmodellen, das bei beiden Elternteilen zwangsläufig in die eigenen Verhaltensschemata hineingewirkt hat, bis hin zu der Frage, wie diese Ehe zustande gekommen ist. War es eine sogenannte Vernunftehe, haben die Partner aus Liebe geheiratet, wurde die Ehe von den Eltern arrangiert, mußte wegen einer bestehenden Schwangerschaft geheiratet werden, oder welche Gründe es sonst noch geben mag.

Entscheidend dafür, wie das Lebensmodell (vor-) gelebt wird, ist nicht die frühere Realität (also z.B. ob es eine Heirat aus Liebe war), sondern die heute so empfundene Realität: Ist die damalige Liebe vergangen, oder ist aus ehemals relativer Gleichgültigkeit inzwischen tatsächlich Liebe geworden? Wir sehen, das Lebensmodell ist nicht statisch! Daraus folgt, daß im entscheidenden Zeitraum, in dem die Prägung erfolgt, dem Kind nur die zu diesem Moment gültige Einstellung der Eltern vermittelt wird - Jahre später, bei einem weiteren Kind, kann das vermittelte Lebensmodell ganz anders aussehen.

Ein weiterer wichtiger Faktor ist die Bewertung der Eigenschaften des Partners. Wie werden Treue, Verläßlichkeit, persönlicher Mut, Durchsetzungsvermögen, Ordnungssinn, Wahrheitsliebe, Ungeduld, aufbrausendes Wesen, Unpünktlichkeit, Unzuverlässigkeit, Rücksichtslosigkeit, um nur einige zu nennen, jeweils eingeschätzt? Ist das Lebensmodell der Eltern, z.B., von gegenseitiger Wertschätzung geprägt, wird diese Tugend für das gemeinsame Kind ebenfalls größte Bedeutung besitzen!

Im Lebensmodell ist auch die Einstellung zur Erziehung festgelegt. Zu beachten ist aber, daß hier wie oben unter "Festlegung" eine sich durch die beteiligten beiden Partner bestimmte Fortschreibung eines Zustandes zu verstehen ist, eben wegen des nichtstatischen Charakters des Lebensmodells: Die Erziehung, einschließlich aller ihrer "Grundsätze", kann bei einem zweiten Kind an ganz anderen Prämissen ausgerichtet sein.

Natürlich tragen auch die äußeren Randbedingungen zur Modellbildung bei: Über welche Vorbildung (Schule, Ausbildung) verfügen die Partner, über welchen Bildungsgrad? Wie verdient die Familie ihren Lebensunterhalt?

Dieses so vielschichtige, dynamische Lebensmodell leben die Eltern ihrem Kind vor. Alles, was über unbewußtes Vorleben hinausgeht, ist bewußte Erziehung. Da beispielhafte Verhaltensweisen wesentlich einprägsamer sind, als verbale Vorschriften, kann nach dem neuesten Stand der Wissenschaft davon ausgegangen werden, daß das elterliche Lebensmodell den Menschen am stärksten prägt und dem Kind somit Verhaltensmaßregeln und Vorgaben eingepflanzt werden, die das spätere Leben mit dem eigenen Partner nachhaltigst beeinflussen. Dabei erfolgt eine Identifikation vorwiegend mit dem gleichgeschlechtlichen Elternteil und übernimmt vorwiegend dessen individuelle Lebensmodell-Ausprägungen.

(Hier sei auf Hans Jellouschek verwiesen, der in seinem Buch "Wie Partnerschaft gelingt -Spielregeln der Liebe" in diesem Zusammenhang einen expliziten Teufelskreis ausmacht! Siehe auch unten.)

Die Einschränkung, die wir im letzten Absatz gemacht haben, ist darauf zurückzuführen, daß die Auswirkung der elterlichen Einflußnahme - das gilt für sowohl für den bewußten, als auch den unbewußten Teil - nicht immer gleich, nicht immer absehbar ist. Glücklicherweise ist das menschliche Ego in seiner Entwicklung noch so frei, daß es entscheiden kann, ob irgendwelche Szenen oder Verhaltensweisen als positiv oder negativ, als Vorbild oder Abschreckung aufgefaßt und internalisiert werden! Beispiel: In einer Familie werden Schläge als Erziehungsmittel eingesetzt. Während das eine Kind dies als Erwachsener ebenfalls so handhabt, wird es vom anderen als unerträglich abgelehnt!
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