Durch die Erziehung vermittelte Defizite

Wir können also die Aussage treffen: Das Verhalten des erwachsenen Menschen wird vorwiegend von der Prägung durch die Eltern bestimmt. Ist dieser Vorgang weitgehend positiv oder zumindest wertneutral, werden kaum diesbezügliche Schwierigkeiten mit der partnerschaft- lichen Kommunikation auftreten. Anders ist es natürlich, wenn die Erziehung statt dessen Defizite vermittelt hat. Typische Beispiele hierfür sind vor allem mangelndes Selbstbewußtsein, fehlende Selbstkritik, mangelndes Durchsetzungsvermögen. Ebenso schlimm ist es, wenn kommunikative Techniken nicht vermittelt wurden, wie die Führung von sachlichen Diskussionen, oder das Erlernen von Stategien zur Konfliktvermeidung oder wenn generell Auseinandersetzungen aus Angst vor einem möglichen Streit vermieden wurden.

Wie wir weiter oben festgestellt haben, kommunizieren wir verbal und non-verbal. In beiden Fällen wird die ausgesandte Botschaft in starkem Maße von unserem Selbstbewußtsein beeinflußt, das dieser Äußerung eine typische Form mit auf den Weg gibt. Das kann sich manifestieren in der Körperhaltung, im Blick, im Tonfall oder in der Wortwahl. Selbst ein leichtes Erröten, das der Empfänger bewußt gar nicht wahrnimmt, kann mangelndes Selbstbewußtsein verraten. Je nachdem, in welcher Stimmungslage sich der Empfänger befindet, wird eine solche Botschaft eine mehr oder minder dominante Erwiderung hervorrufen.

Wie kann es zu einem nur rudimentär entwickeltem oder nicht vorhandenem Selbstwertgefühl kommen? Hier müssen wir bis fast zur Geburt zurückgehen. Die Bedürfnisse des Neugeborenen sind noch sehr gering: Nahrungszu- und -abfuhr, Zuwendung und Wärme dürften die Wichtigsten sein. Die einzige Möglichkeit für den Säugling, diese Bedürfnisse zu äußern, besteht im Schreien. Hat er keine Bedürfnisse, wird er ruhig sein. Wird von den Eltern das Schreien nicht gemäß seiner Bedeutung aufgefaßt, wird der Säugling daraus lernen, daß seine Wünsche kein Gewicht haben, daß er es nicht wert ist, daß darauf eingegangen wird!

Im Erwachsenenalter hat das die Konsequenz, daß der oder die Betreffende aus Angst vor Ablehnung keine Bitte direkt aussprechen kann, was wiederum dazu führt, daß der Empfänger Wünsche und Bedürfnisse nicht in der Bedeutung wahrnimmt, wie sie sie für den Absender haben. Noch abträglicher für die Paarkommunikation ist, daß mangelndes Selbstwertgefühl dazu führt, daß Ängste und Unsicher-heiten dem Partner gegenüber nicht ausgesprochen oder zugegeben werden können: Ich bin es nicht wert, daß man sich mit meinen unbedeutenden Problemen beschäftigt! Der Partner bleibt somit in bezug auf die eigene Gefühlswelt "außen vor".

Wer nicht gelernt hat, sich selbst und seine Fähigkeiten in's rechte Verhältnis zur Umwelt zu setzen, dessen Fähigkeit zur Selbstkritik bleibt unterentwickelt, aber nur wer selbstkritisch ist, wird ein gesundes Selbstwertgefühl entwickeln können.

Wird einem Kind Selbstbewußtsein und Selbstkritik nicht vermittelt, wird zumeist auch auf Durchsetzungsvermögen kein Wert gelegt. Es ist wesentlich einfacher, mit einem Kind umzugehen, das nie gelernt hat, seine Bedürfnisse durchzusetzen. Manche Eltern reagieren auf solche Versuche mit Liebesentzug oder Ablehnung! Die Konsequenz für die spätere Partnerschaft ist äußerst negativ: Aus Angst vor einem Auseinanderbrechen wird jegliches Verhalten des Partners toleriert bzw erduldet.

Kommen wir zu den kommunikativen Techniken. Grundvorausetzung für jede verbale Auseinandersetzung ist die Fähigkeit, ein Gespräch einvernehmlich zu führen, was heißen soll, daß genau dies dem Kind zu vermitteln ist! Dazu gehört auf beiden Seiten die Bereitschaft, überhaupt miteinander sprechen zu wollen, ein Anliegen formulieren zu können, dieses sachbezogen vorzutragen, dem anderen Gelegenheit zur Antwort zu geben und auch nach mehrmaligem hin und her nicht die Ruhe zu verlieren. Wird dem Kind - vorwiegend im Trotzalter - ständig der Willen gebrochen, wird es nur sehr schwer lernen, Kompromisse zu schließen. Fehlen dem Kind diese Fähigkeiten, sachlich diskutieren zu können, wird es später in der Partnerschaft eher destruktiv als konstruktiv kommunizieren!

Viele Erwachsene, die mit ihrem Partner nicht verbal kommunizieren können, bekamen in ihrem Elternhaus ein ganz bestimmtes Denkmuster vermittelt: Wer diskutiert, der streitet - und wer streitet, der liebt sich nicht mehr. Wer diskutiert, ist somit schuld daran, wenn die Harmonie zerbricht! Die für eine Partnerschaft zerstörerische Konsequenz ist Schweigen oder schweigendes Dulden. Die Angst vor Streit ist zu groß, um Mißverständnisse durch ein klärendes Gespräch zu beheben. In solchen Familien werden somit auch keine Strategien zur Lösung von Konflikten vermittelt - wer Konflikte um jeden Preis vermeidet, verfügt auch über keine Lösungsansätze.


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