Geschlechtsspezifische Besonderheiten

Bislang ist bei unseren Überlegungen, wenn überhaupt eine Unterscheidung notwendig war, nach Sender und Empfänger einer Botschaft unterschieden worden; wurde nach Mann und Frau differenziert, war die Zuordnung eher beliebig. Diese Praxis müssen wir ab jetzt aufgeben und explizit nach Geschlechtern unterscheiden, da es bei der heterosexuellen Paarkommunikation ganz extrem darauf ankommt, ob ER oder SIE als Sender oder Empfänger fungieren.

Der Mann kommuniziert vorwiegend rational und sachbezogen, die Frau vorwiegend emotional (diese und alle anderen vergleichbaren Aussagen sind, wie überall dort, wo es um die menschliche Psyche geht, als relativ zu bewerten, deshalb die Einschränkung: vorwiegend). Das größte Problem besteht darin, daß sich beide Geschlechter dieses Unterschiedes i.d.R. nicht bewußt sind. Vom Partner wird erwartet, daß er genau so denkt und fühlt, wie man/frau selbst.

Der Unterschied ist evolutionsbedingt. In der Frühzeit der menschlichen Entwicklung ging der Mann auf die Jagd und mußte kämpfen, um die Familie zu ernähren und zu beschützen. Wer das nicht konnte, konnte sich nicht fortpflanzen. Männer sind somit eher ergebnisorientiert.

Im Gegensatz dazu war die Frau für den Zusammenhalt der Familie zuständig, sie teilte die knappen Futterresourcen zu und mußte Sozialkompetenz entwickeln. Frauen sind eher beziehungsbewußt.

Männer definieren sich über Macht, Erfolg, Autonomie und Kompetenz, Frauen dagegen legen Wert auf Beziehung, Harmonie, Kommunikation über Gefühle. Frauen haben die Fähigkeit entwickelt, Bedürfnisse des anderen intuitiv zu erspüren und setzen das Gleiche vom männlichen Partner voraus, was dieser aber in der Evolution nicht entwickelt hat. Daraus resultiert ein grundlegender Denkfehler der Frau: Wenn er mich lieben würde, müßte er doch wissen, was ich mir wünsche, was ich brauche, womit er mir helfen könnte, usw.

Die archetypische Mädchenerziehung legt fast immer Wert auf Bescheidenheit und Zurückhaltung. Mangelnde Wahrnehmungsentwicklung der eigenen Bedürfnisse, die folglich auch in der Partnerschaft nicht kundgetan werden können, führen zwangsläufig zu Konflikten. Springt eine Frau dann endlich einmal über den eben geschilderten "Schatten" ihrer Erziehung und bittet ihren Mann um etwas, wagt sie es nicht, die Bitte offen und klar auszusprechen. Statt: "Bringe doch bitte den Müll runter!", formuliert sie dann (für den eigentlichen Zweck ihrer Nachricht) sehr unklar, sie sei heute wegen der Kinder andauernd rauf und runter gelaufen und der Mülleimer sei auch zu klein!

Der lösungsorientierte Mann beschließt darauf, erstens die Kinder anzuhalten, nicht ständig nach der Mutter zu rufen und zweitens einen größeren Mülleimer zu kaufen!

Mit unseren bisher erörterten Erklärungsansätzen kommen wir hier nicht weiter. Der Empfänger kann die Nachricht nicht als unvollständig auffassen, zumindest für ein männliches Ohr klingt sie sehr komplett und umfassend. Um die Nachricht zu verstehen, bedarf es keiner Rückkopplung und sie enthält auch keine Satzteile, die nach einer Frage oder Bitte aussehen, woraufhin "Mann" tätig werden müßte!

Selbst wenn ER sich hier an das Vier-Ohren-Modell erinnern würde, würde er getrost die Sachinformation als "verstanden" abhaken. Mit dem Selbstkundgabe-Ohr hätte er ihre gehabte Mühe und Arbeit verständnisvoll registriert, sein Beziehungsohr hätte ihm vermittelt, daß hier Mitgefühl und ein verständnisvoller Kuß notwendig seien, und das Appellohr hätte die oben geschilderten Beschlüsse initiiert.

SIE wird den Kuß verständnislos, vermutlich sogar als Verhöhnung ihrer, in ihren Augen klar zum Ausdruck gebrachten Bitte hinnehmen und frustriert und Türen knallend den Mülleimer selber leeren. ER versteht ihre Reaktion überhaupt nicht und hält sie für launisch. Jede darauf folgende Kommunikation wird mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit destruktiv verlaufen!

Der Mann handelt, wie gesagt, lösungsbewußt und zielorientiert und setzt alles daran, auftretende Schwierigkeiten selbst zu meistern, ohne Rat zu suchen oder um Hilfe zu bitten. Das hieße, Schwäche zu zeigen. Die Frau dagegen ist glücklich, wenn ihr Hilfe, gleich welcher Art, angeboten wird und empfindet das als Wertschätzung ihrer Person.

Eine Frau läßt ihrem Partner all ihre Liebe zukommen, selbstverständlich verbunden mit Fürsorge und Ratschlägen aller Art, so, wie sie es für sich selbst als positiv empfinden würde. Eine auf dieser Basis aufbauende Kommunikation ruft beim Mann entsprechende Abwehrreaktionen hervor, da er das Gefühl meint vermittelt zu bekommen, von seiner Frau für inkompetent angesehen zu werden. Als Beispiel sei nur auf die allseits bekannte Situation verwiesen, wenn ER und SIE im Auto in der fremden Stadt unterwegs sind. SIE möchte unbedingt einen Passanten nach dem Weg fragen, während ER meint, das Ziel auch so zu finden. Gespräche dieser Art werden nahezu ausschließlich destruktiv geführt!

Bleiben wir beim lösungsorientierten Denkansatz des Mannes, der natürlich auch und gerade in der Kommunikation gilt. Frauen verarbeiten ihre Probleme vorwiegend kommunikativ, das heißt, sie wollen immer und immer wieder darüber sprechen, da das die diesbezüglich aufgebaute innere Spannung löst. Während FRAU also die ständige Wiederholung zur Verarbeitung braucht, fühlt MANN sich aufgefordert, hier problemlösend tätig zu werden. Seinen Vorschlag zur Beseitigung der Schwierigkeiten, nur und ausschließlich gut gemeint, vielleicht noch verbunden mit der Äußerung "ist doch nicht so schlimm", erlebt SIE als Kränkung: Ihr Mann nimmt sie offensichtlich nicht ernst. ER weiß nur nicht, daß SIE ihren emotionalen Streß abbaut, indem sie immer wieder über ihre Gefühle kommuniziert!

Der Problemlösungsansatz des Mannes ist anders. Er möchte die Schwierigkeiten für sich behalten, auf Abhilfe sinnen und sie lösen. Ist eine schnelle Lösung nicht möglich, setzt ein Verdrängungsmechanismus ein: Die problembehafteten Gedanken werden weitestgehend aus- und dafür ein Kompensationsprogramm eingeschaltet, Sport treiben, in die Kneipe gehen, sich einfach mit etwas ganz anderem beschäftigen. Dadurch entsteht für eine gewisse Zeit eine innere Entspannung, bis man sich wieder mit neuen Kräften mit dem Problem beschäftigen kann.

Solange sich die Probleme personenspezifisch unterscheiden, also jeder mit seinem eigenen Problem zu kämpfen hat, kann jeder letztlich noch nach seiner eigenen Façon vorgehen. Beliebig kompliziert wird es aber, wenn das Paar, was wohl eher die Regel ist, ein gemeinsames Problem hat. Die beiden geschlechtsspezifischen Lösungsstrategien sind natürlich in der Praxis kaum vereinbar. Die Frau findet kommunizierend zu innerer Ruhe, der Mann durch Abschalten oder Verdrängen. Da man, wie wir wissen, nicht nicht kommunizieren kann, die Frau verbal, der Mann nonverbal das Problem lösen möchte, führt auch hier der Weg mehr oder minder zwangsläufig in die destruktive Kommunikation. Nur das Wissen um die verhängnisvollen Mechanismen, die im Unterbewußtsein ablaufen, kann den Teufelskreis unterbrechen.
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