Bedeutung der Kommunikation für die Paarbeziehung

In den letzten Jahren und Jahrzehnten hat sich die Zahl der Ehescheidungen in Deutschland drastisch erhöht. Von 2001 bis 2003 ist die Rate um 8,3% auf fast 213.975 gestiegen (Quelle: Statistisches Bundesamt). Es kann weiter davon ausgegangen werden, daß jede dritte Ehe keinen Bestand haben wird. Die Konsequenzen, persönlich, familiär, finanziell und nicht zuletzt auch volkswirtschaftlich, sind kaum absehbar.

In der Literatur werden verschiedene Gründe diskutiert: Der seit langem stattfindende Wertewandel in unserer Gesellschaft hat die Ansprüche der Partner untereinander gravierend verändert; die traditionelle Eheauffassung verliert zunehmend an Bedeutung; bislang geltende Normen wie Treue und das Einhalten traditioneller Geschlechterrollen wurden durch individuelle Selbstentfaltungsbestrebungen abgelöst. Die gesetzlich festgelegte Gleichstellung zwischen Mann und Frau, die Bildungsexpansion, sowie zunehmende Frauenerwerbsbeteiligung waren wesentliche Auslöser dieser Tendenzen.

Betrachtet man aber diese sozialpolitisch basierten Erklärungen unter individuellen Aspekten, so fragt man sich z.B., ob der zitierte Bedeutungsverlust der herkömmlichen Eheauffassung tatsächlich zu einer zunehmenden Entfremdung der Partner und zwangsläufig zu erhöhter Scheidungsbereitschaft führen muß. Natürlich setzt der geringere Wert, der heute verbreitet der Institution der Ehe beigemessen wird, die Hürden für eine Entscheidung sowohl zur Eheschließung als auch zur -scheidung deutlich herab. Betrachtet man aber den Aufwand, der in emotionaler, finanzieller und sonstiger Hinsicht bei einer Heirat nach wie vor die Regel ist, kann man daraus nur schließen, daß die relativ geringen "Erfolgsaussichten", die dieser Ehe nach der Statistik beschieden sind, von den beiden Betroffenen zu diesem Zeitpunkt so nicht gesehen werden, daß die Intentionen doch zu einer erhofften Dauerhaftigkeit gehen.

Wenn aber nach dem eher emotional geprägten Start in die Ehe der normale Alltag mit seinen vielfältigen Sorgen, Ärgernissen und Problemen beginnt, werden die Weichen für das Schicksal der Partnerschaft gestellt. Ganz selten ist es ein Ereignis, ein Vorfall, der zur Trennung führt, i.d.R. handelt es sich um eine Abfolge, eine Reihe von Vorkommnissen, die eine Fortführung der Gemeinschaft nicht mehr opportun erscheinen lassen. Betrachtet man diese Abfolge genauer, dann zeigt sich, daß die Entwicklung in der überwiegenden Zahl aller Fälle mit verbalen Auseinandersetzungen begonnen hat! Nach dem ersten Axiom von Paul Watzlawick - "Man kann nicht Nichtkommunizieren" - zeigt sich die überwiegende Bedeutung, die der Kommunikation in der Paarbeziehung zukommt!

Es ist völlig unerheblich, ob eine Auseinandersetzung zwischen den Partnern um Fragen der Kindererziehung, des gemeinschaftlichen Geldes oder um sexuelle Treue geführt wird, als Mittel der Kommunikation wird i.d.R. die Sprache benützt. Und so, wie Feuer positiv verwendet werden kann, um Wärme zu spenden, kann es destruktiv zur Zerstörung eingesetzt werden. Das gleiche gilt auch für die Sprache: Ich kann meine verbalen Auseinandersetzungen durch konstruktive Kommunikation führen, aber ich kann auch mit meinem Partner destruktiv kommunizieren! Jeder Partner - auch in Zweierbeziehungen außerhalb der konventionellen Ehe - hat es somit in der Hand, die Entwicklung der Auseinandersetzung bewußt zu steuern (Natürlich wird hierbei vorausgesetzt, daß die Wertigkeit der Beziehung auf beiden Seiten gleich hoch eingeschätzt wird.).

Um die Gefahren, die in der destruktiven Kommunikation liegen, zu vermeiden, ist deren Kenntnis von großer Bedeutung. Um auf das Beispiel mit dem Feuer zurückzukommen: Wer den Umgang damit beherrscht, kann die ihm innewohnenden Risiken vermeiden!


To keep your marriage brimming

With love in the marriage cup:

Whenever you're wrong - admit it;

Whenever you're right - shut up!

Ogden Nash, 1962


Wenn du willst, daß dein Ehekelch

Mit Liebe bis zum Rand gefüllt bleibt,

Dann gib zu, wenn du im Unrecht bist,

Und wenn du Recht hast: Halt die Klappe!


Lebensmodell der Eltern allgemein

Jeder Mensch ist das Produkt aus Vererbung und Umwelt. Während wir die Vererbung (heute und in absehbarer Zeit in entscheidendem Umfang noch) nicht beeinflussen können, ist die Prägung durch die Umwelt von entscheidender Bedeutung für das Verhalten des Individuums von frühester Kindheit an bis zum Tode. In der Phase der Primären Sozialisation, also in den allerersten Lebensjahren, wenn sich das kindliche Leben noch fast ausschließlich im Schoße der Familie abspielt, werden die Grundzüge des späteren Verhaltens entscheidend geprägt. Zum einen durch die bewußten, von den Eltern gesteuerten Erziehungsmaßnahmen, zum anderen durch das unbewußte Übernehmen des von den Eltern vorgelebten "Lebensmodells". Die Erziehung wird natürlich maßgeblich durch die Grundsätze bestimmt, die durch das elterliche Lebensmodell präjudiziert sind.

Dieses von den Eltern unbewußt entwickelte Modell wird durch eine Vielzahl von Faktoren geprägt. Angefangen bei den (jetzt inzwischen Großeltern-) Lebensmodellen, das bei beiden Elternteilen zwangsläufig in die eigenen Verhaltensschemata hineingewirkt hat, bis hin zu der Frage, wie diese Ehe zustande gekommen ist. War es eine sogenannte Vernunftehe, haben die Partner aus Liebe geheiratet, wurde die Ehe von den Eltern arrangiert, mußte wegen einer bestehenden Schwangerschaft geheiratet werden, oder welche Gründe es sonst noch geben mag.

Entscheidend dafür, wie das Lebensmodell (vor-) gelebt wird, ist nicht die frühere Realität (also z.B. ob es eine Heirat aus Liebe war), sondern die heute so empfundene Realität: Ist die damalige Liebe vergangen, oder ist aus ehemals relativer Gleichgültigkeit inzwischen tatsächlich Liebe geworden? Wir sehen, das Lebensmodell ist nicht statisch! Daraus folgt, daß im entscheidenden Zeitraum, in dem die Prägung erfolgt, dem Kind nur die zu diesem Moment gültige Einstellung der Eltern vermittelt wird - Jahre später, bei einem weiteren Kind, kann das vermittelte Lebensmodell ganz anders aussehen.

Ein weiterer wichtiger Faktor ist die Bewertung der Eigenschaften des Partners. Wie werden Treue, Verläßlichkeit, persönlicher Mut, Durchsetzungsvermögen, Ordnungssinn, Wahrheitsliebe, Ungeduld, aufbrausendes Wesen, Unpünktlichkeit, Unzuverlässigkeit, Rücksichtslosigkeit, um nur einige zu nennen, jeweils eingeschätzt? Ist das Lebensmodell der Eltern, z.B., von gegenseitiger Wertschätzung geprägt, wird diese Tugend für das gemeinsame Kind ebenfalls größte Bedeutung besitzen!

Im Lebensmodell ist auch die Einstellung zur Erziehung festgelegt. Zu beachten ist aber, daß hier wie oben unter "Festlegung" eine sich durch die beteiligten beiden Partner bestimmte Fortschreibung eines Zustandes zu verstehen ist, eben wegen des nichtstatischen Charakters des Lebensmodells: Die Erziehung, einschließlich aller ihrer "Grundsätze", kann bei einem zweiten Kind an ganz anderen Prämissen ausgerichtet sein.

Natürlich tragen auch die äußeren Randbedingungen zur Modellbildung bei: Über welche Vorbildung (Schule, Ausbildung) verfügen die Partner, über welchen Bildungsgrad? Wie verdient die Familie ihren Lebensunterhalt?

Dieses so vielschichtige, dynamische Lebensmodell leben die Eltern ihrem Kind vor. Alles, was über unbewußtes Vorleben hinausgeht, ist bewußte Erziehung. Da beispielhafte Verhaltensweisen wesentlich einprägsamer sind, als verbale Vorschriften, kann nach dem neuesten Stand der Wissenschaft davon ausgegangen werden, daß das elterliche Lebensmodell den Menschen am stärksten prägt und dem Kind somit Verhaltensmaßregeln und Vorgaben eingepflanzt werden, die das spätere Leben mit dem eigenen Partner nachhaltigst beeinflussen. Dabei erfolgt eine Identifikation vorwiegend mit dem gleichgeschlechtlichen Elternteil und übernimmt vorwiegend dessen individuelle Lebensmodell-Ausprägungen.

(Hier sei auf Hans Jellouschek verwiesen, der in seinem Buch "Wie Partnerschaft gelingt -Spielregeln der Liebe" in diesem Zusammenhang einen expliziten Teufelskreis ausmacht! Siehe auch unten.)

Die Einschränkung, die wir im letzten Absatz gemacht haben, ist darauf zurückzuführen, daß die Auswirkung der elterlichen Einflußnahme - das gilt für sowohl für den bewußten, als auch den unbewußten Teil - nicht immer gleich, nicht immer absehbar ist. Glücklicherweise ist das menschliche Ego in seiner Entwicklung noch so frei, daß es entscheiden kann, ob irgendwelche Szenen oder Verhaltensweisen als positiv oder negativ, als Vorbild oder Abschreckung aufgefaßt und internalisiert werden! Beispiel: In einer Familie werden Schläge als Erziehungsmittel eingesetzt. Während das eine Kind dies als Erwachsener ebenfalls so handhabt, wird es vom anderen als unerträglich abgelehnt!



Lebensregeln / Familienregeln der Ursprungsfamilie

Hiermit haben wir einen direkten Übergang vom Lebensmodell zu den Lebensregeln gefunden. Nachdem das Lebensmodell beschreibt, wie die gemeinsame Basis eines Ehe- oder Elternpaares aussieht, beschreiben die Lebens- oder Familienregeln, wie das Paar dieses Modell den Kindern vermitteln will. Natürlich ist auch vorstellbar, daß sich zwei Menschen, die zusammenleben, explizite Regeln für die Durchführung des gemeinsamen Lebens formulieren, aber diese Art dürfte eher selten sein. Beschränken wir uns hier auf die Familienregeln, die es in jeder Familie gab und gibt und die uns und unser Leben, einschließlich des Zusammenlebens mit dem späteren Partner nachhaltig beeinflußt haben. Wir müssen uns dabei immer vor Augen halten, daß wir nach den Ursprüngen der Verhaltensweisen suchen, die unsere Kommunikationsfähigkeit und - bereitschaft ursächlich ausmachen.

Bei den Regeln müssen wir unterscheiden, ob sie aus dem Lebensmodell heraus entstanden sind, oder als Erziehungshilfe formuliert wurden. Die ersteren dürften vorwiegend nonverbaler Natur sein, da sich das Lebensmodell im Unbewußten entwickelt und weiterentwickelt, diese Art von Regeln also nicht ausgedacht werden. Sie sind "ex tunc" vorhanden, wie der Jurist sagt: Von einem früheren Zeitpunkt an. Ganz im Gegensatz dazu die Erziehungs-Regeln. Sofern sie nicht lebensnotwendig sind "(Nie mit einem fremden Mann mitgehen!"), können sie auch Ausdruck nicht ausreichenden, beispielhaften Vor-Lebens sein. Ich muß nur dann formulieren: Nicht an den heißen Herd fassen! Nicht den Hund am Schwanz ziehen! wenn ich es durch mein Vorbild nicht einprägsam genug vermitteln konnte. Diese Regeln werden zu einem definierbaren Zeitpunkt verbal formuliert, z.B., wenn das Kind begonnen hat, die nähere Umwelt zu erforschen.

Als letzte Kategorie bleiben die Regeln, die die eigene Hilflosigkeit der Eltern demonstrieren; eines der Paradebeispiele hierfür ist der Satz: Das tut man nicht! Wenn "man" es nicht tut, die anderen, alle "es" nicht tun, dann bedarf es ja keiner Erklärung, keiner Begründung mehr, dann ist es eine Universalklausel, wie: Man bringt niemand um! Dadurch entsteht eine - oft gewollte - Tabuisierung (z.B.: Man widerspricht keinem Erwachsenen, keiner Respektsperson!), die zwar im Moment dazu führt, daß der Jugendliche bei Befolgung dieser Regel seinen Eltern weniger Probleme bereitet, was aber bedeuten kann, daß der so reglementierte Mensch in seinem späteren Leben die Fähigkeit verloren hat, sich mit anderen verbal auseinanderzusetzen! Widerspruch, eine andere Meinung äußern, gehört unabdingbar zur Kommunikation. Wenn ich mich ständig zurückhalten muß, weil ich verinnerlicht habe, daß ich nicht widersprechen, eine andere Ansicht haben darf, dann werde ich in einer Auseinandersetzung zwangsläufig die ruhige Argumentationsphase überspringen und, mich in die Enge getrieben fühlend, aggressiv fortfahren.

Wir stellten weiter oben recht allgemein fest, daß die individuelle Entwicklung in hohem Maße von der Umwelt geprägt wird. Dazu gehören neben den Eltern, bzw. Familie, die den Haupteinfluß ausüben, noch Schule, Ausbildungs- und Arbeitsplatz, sowie die Clique in der Freizeit.

Wenn man betrachtet, wie leicht z.B. Schule oder Arbeitsplatz gewechselt werden, dann ergibt sich daraus, daß die emotionale Prägung dieser Institutionen nicht den Stellenwert hat, wie die der Familie. Trotzdem darf der Gruppenzwang, und die dadurch stattfindende Aufoktroierung von Verhaltensmustern, die gerade auch von einer Clique ausgeht, nicht unterschätzt werden. Auswirkungen auf die Durchführung der partnerschaftlichen Kommunikation können also keinesfalls außer Betracht bleiben. Berücksichtigt man aber die Unterschiede in Art und Dauer der Beeinflussung zwischen Familie und - bleiben wir beim frei gewählten Umgang - der Clique, kann der Einfluß der letzteren bei weitem nicht mit der langjährigen, frühkindlichen Prägung mithalten. Vor allem auch deshalb nicht, weil, wie in der Literatur immer wieder beschrieben, ein bewußter Bruch mit der Gruppe samt allen Zwängen möglich ist. Dieser Vorgang ist auf die internalisierten Verhaltensmuster kindlicher Prägung so nicht anwendbar!


Durch die Erziehung vermittelte Defizite

Wir können also die Aussage treffen: Das Verhalten des erwachsenen Menschen wird vorwiegend von der Prägung durch die Eltern bestimmt. Ist dieser Vorgang weitgehend positiv oder zumindest wertneutral, werden kaum diesbezügliche Schwierigkeiten mit der partnerschaft- lichen Kommunikation auftreten. Anders ist es natürlich, wenn die Erziehung statt dessen Defizite vermittelt hat. Typische Beispiele hierfür sind vor allem mangelndes Selbstbewußtsein, fehlende Selbstkritik, mangelndes Durchsetzungsvermögen. Ebenso schlimm ist es, wenn kommunikative Techniken nicht vermittelt wurden, wie die Führung von sachlichen Diskussionen, oder das Erlernen von Stategien zur Konfliktvermeidung oder wenn generell Auseinandersetzungen aus Angst vor einem möglichen Streit vermieden wurden.

Wie wir weiter oben festgestellt haben, kommunizieren wir verbal und non-verbal. In beiden Fällen wird die ausgesandte Botschaft in starkem Maße von unserem Selbstbewußtsein beeinflußt, das dieser Äußerung eine typische Form mit auf den Weg gibt. Das kann sich manifestieren in der Körperhaltung, im Blick, im Tonfall oder in der Wortwahl. Selbst ein leichtes Erröten, das der Empfänger bewußt gar nicht wahrnimmt, kann mangelndes Selbstbewußtsein verraten. Je nachdem, in welcher Stimmungslage sich der Empfänger befindet, wird eine solche Botschaft eine mehr oder minder dominante Erwiderung hervorrufen.

Wie kann es zu einem nur rudimentär entwickeltem oder nicht vorhandenem Selbstwertgefühl kommen? Hier müssen wir bis fast zur Geburt zurückgehen. Die Bedürfnisse des Neugeborenen sind noch sehr gering: Nahrungszu- und -abfuhr, Zuwendung und Wärme dürften die Wichtigsten sein. Die einzige Möglichkeit für den Säugling, diese Bedürfnisse zu äußern, besteht im Schreien. Hat er keine Bedürfnisse, wird er ruhig sein. Wird von den Eltern das Schreien nicht gemäß seiner Bedeutung aufgefaßt, wird der Säugling daraus lernen, daß seine Wünsche kein Gewicht haben, daß er es nicht wert ist, daß darauf eingegangen wird!

Im Erwachsenenalter hat das die Konsequenz, daß der oder die Betreffende aus Angst vor Ablehnung keine Bitte direkt aussprechen kann, was wiederum dazu führt, daß der Empfänger Wünsche und Bedürfnisse nicht in der Bedeutung wahrnimmt, wie sie sie für den Absender haben. Noch abträglicher für die Paarkommunikation ist, daß mangelndes Selbstwertgefühl dazu führt, daß Ängste und Unsicher-heiten dem Partner gegenüber nicht ausgesprochen oder zugegeben werden können: Ich bin es nicht wert, daß man sich mit meinen unbedeutenden Problemen beschäftigt! Der Partner bleibt somit in bezug auf die eigene Gefühlswelt "außen vor".

Wer nicht gelernt hat, sich selbst und seine Fähigkeiten in's rechte Verhältnis zur Umwelt zu setzen, dessen Fähigkeit zur Selbstkritik bleibt unterentwickelt, aber nur wer selbstkritisch ist, wird ein gesundes Selbstwertgefühl entwickeln können.

Wird einem Kind Selbstbewußtsein und Selbstkritik nicht vermittelt, wird zumeist auch auf Durchsetzungsvermögen kein Wert gelegt. Es ist wesentlich einfacher, mit einem Kind umzugehen, das nie gelernt hat, seine Bedürfnisse durchzusetzen. Manche Eltern reagieren auf solche Versuche mit Liebesentzug oder Ablehnung! Die Konsequenz für die spätere Partnerschaft ist äußerst negativ: Aus Angst vor einem Auseinanderbrechen wird jegliches Verhalten des Partners toleriert bzw erduldet.

Kommen wir zu den kommunikativen Techniken. Grundvorausetzung für jede verbale Auseinandersetzung ist die Fähigkeit, ein Gespräch einvernehmlich zu führen, was heißen soll, daß genau dies dem Kind zu vermitteln ist! Dazu gehört auf beiden Seiten die Bereitschaft, überhaupt miteinander sprechen zu wollen, ein Anliegen formulieren zu können, dieses sachbezogen vorzutragen, dem anderen Gelegenheit zur Antwort zu geben und auch nach mehrmaligem hin und her nicht die Ruhe zu verlieren. Wird dem Kind - vorwiegend im Trotzalter - ständig der Willen gebrochen, wird es nur sehr schwer lernen, Kompromisse zu schließen. Fehlen dem Kind diese Fähigkeiten, sachlich diskutieren zu können, wird es später in der Partnerschaft eher destruktiv als konstruktiv kommunizieren!

Viele Erwachsene, die mit ihrem Partner nicht verbal kommunizieren können, bekamen in ihrem Elternhaus ein ganz bestimmtes Denkmuster vermittelt: Wer diskutiert, der streitet - und wer streitet, der liebt sich nicht mehr. Wer diskutiert, ist somit schuld daran, wenn die Harmonie zerbricht! Die für eine Partnerschaft zerstörerische Konsequenz ist Schweigen oder schweigendes Dulden. Die Angst vor Streit ist zu groß, um Mißverständnisse durch ein klärendes Gespräch zu beheben. In solchen Familien werden somit auch keine Strategien zur Lösung von Konflikten vermittelt - wer Konflikte um jeden Preis vermeidet, verfügt auch über keine Lösungsansätze.


Beispiele aus der Transaktionsanalyse

Mit den bisherigen Ausführungen haben wir die Faktoren untersucht, die die Grundlage für mögliche Störungen in der Paarkommunikation bilden. Jetzt beschäftigen wir uns mit der Kommunikation selbst. Als sehr hilfreich erweist sich hier die Transaktionsanalyse. Nachdem wir Menschen bei unserer verbalen oder non-verbalen Kommunikation stets durch äußere oder innere Reize, Gefühle und Erinnerungen beeinflußt werden, sind wir zwangsläufig immer in einem der drei Zustände, dem Eltern-Ich, dem Kind-Ich oder dem Erwachsenen-Ich.

Stewart/Joines (Die Transaktionsanalyse, Herder Freiburg, 7. Auflage) beschreiben das Ich-Zustands-Modell wie folgt: Im Eltern-Ich wird das Verhalten, Denken und Fühlen von den Eltern oder Elternfiguren übernommen. Im Kind-Ich stammen Verhalten, Denken und Fühlen aus der Kindheit und laufen jetzt wieder ab, während im Erwachsenen-Ich Verhalten, Denken und Fühlen eine direkte Reaktion auf das Hier und Jetzt sind.

Wir beobachten folgenden Fall: Ein Ehepaar im normalen Tagesablauf, die Frau erledigt eine nebensächliche Tätigkeit in den Augen ihres Mannes falsch. Völlig unangemessen bemerkt ER: "Mein Gott, wenn man dich schon mal was machen läßt!" Daraufhin reagiert SIE völlig frustriert und macht nun auch tatsächlich Fehler.

Was ist hier geschehen? Durch irgendwelche nebensächlichen Eindrücke hatte der Mann plötzlich das Gefühl, diese häusliche Situation schon einmal erlebt zu haben. Damals machte sein Vater diese abwertende Bemerkung zu ihm. Nach der Transaktionsanalyse war ER durch diese Erinnerung in seinem "kritischen/kritisierenden Eltern-Ich", fühlte sich dadurch überlegen und sprach den selben Satz wie der Vater.

Bei der Frau hatte es keine Erziehung zum selbstbewußten Menschen gegeben. SIE hatte vermutlich zahlreiche ähnliche Situationen als Kind erlebt - und sich nie gewehrt. Durch die verletzende Bemerkung ihres Mannes wurde SIE in den Kind-Ich-Zustand transferiert und unfähig zu jeder Verteidigung, so wie damals. Durch Verunsicherung entstehen erst recht Fehler. In der Folge, solange diese Auseinandersetzung währt und noch einige Zeit darüber hinaus, wird SIE nicht in den Erwachsenen-Ich Zustand zurückkehren können, da dies vom ständigen Gefühl des Nicht-Vollwertig-Seins, das ihr das Kind-Ich vermittelt, verhindert wird. Ein Paradebeispiel, wie destruktive Kommunikation entsteht.

Wäre die Frau in der Ursprungsfamilie jedoch zu einem gesunden Selbstbewußtsein erzogen worden, wäre die Transformation in das Kind-Ich nicht erfolgt und im Erwachsenen-Ich hätte SIE ihrem Mann antworten und sachlich im Hier und Heute reagieren können.

Nach der Transaktionsanalyse befindet man sich während der Kommunikation unabdingbar immer in einem der drei Ich's und nachdem zu einem Gespräch immer wenigstens zwei gehören, heißt das, hier treffen jeweils auch zwei Ich's aufeinander. Ein Eltern-Ich spricht zum Kind-Ich, ein Kind-Ich spricht zum Erwachsenen-Ich, usw. (Nachdem man die Charaktere noch weiter unterscheidet, gibt es zusätzlich u.a. noch das kritische Eltern-Ich, das liebevolle Erwachsenen-Ich, das weinende Kind-Ich {IBW, Analytische Gesprächsführung, S.93, ff}).

"Die Transaktionen lassen sich grundsätzlich in drei Hauptformen gliedern, nämlich parallele, überkreuzte und verdeckte Transaktionen. Bei parallelen Transaktionen wird von dem Ich-Zustand reagiert, an den die Botschaft gesendet wurde, und zwar auf jenen Ich-Zustand, von dem sie kam. Andernfalls handelt es sich um eine gekreuzte Transaktion (auch dann, wenn sich die Pfeile nicht wirklich "kreuzen", z.B. EL an Er und Er an K). Bei den verdeckten Transaktionen wird neben dem vordergründigen Inhalt gleichzeitig (über Mimik, Gestik, Tonfall, etc) eine verdeckte psychologische Botschaft (meist die Beziehung betreffend) an einen anderen Ich-Zustand gesendet." [Fliessendes Objekt]

(Kriz, 2001, Grundkonzepte der Psychotherapie, Weinheim: Psychologie Verlags Union)

In unserem Zusammenhang interessieren aber nur solche Kombinationen, die mehr oder weniger zwangsläufig zur destruktiven Kommunikation führen.

  1. kritisches Eltern- zu Kind-Ich: Diese Kombination wird bestimmt von Belehrungen,Beschuldigungen, Kritik und Bedrohungen
  2. Erwachsenen- zu Kind-Ich: Geprägt von Vorrangstellung und Überlegenheit
  3. Kind- zu Kind-Ich: Schmollen, Trotz und Manipulation gehören zu den typischen Raktionen

Wenn der Sender seine Botschaft in Kritik und Bedrohung verpackt, ist die Wirkung auf den Empfänger dann umso negativer, wenn er nicht auf gleicher Rangstufe entgegnen kann, sondern im Kind-Ich reagieren muß. Auch im zweiten Fall wird sich eine destruktive Kommunikation entwickeln, wer läßt sich schon gerne belehren? Auch Trotz und Manipulation führen in's kommunikative Aus!


Ich-Botschaften

Das Argumentieren im Erwachsenen-Ich bietet alleine natürlich noch keine Gewähr für konstruktive Kommunikation, es kommt auch noch auf die Art der Botschaft an, die ausgesandt wird. Leider sind es - bleiben wir bei dem oben skizzierte Fall - vorwiegend Du-Botschaften, mit denen auf einen derartigen Angriff ("...wenn man Dich schon mal was machen läßt!") reagiert wird, so z.B.: "Du machst mich mit Deiner Bemerkung ganz konfus!"

Selbst wenn die Nachricht eo ipso nichts anderes ist, als die sachliche Beschreibung eines Zustandes, wird der Empfänger immer einen Vorwurf heraus hören; ein typisches Merkmal für Du-Botschaften. Würde SIE stattdessen von ihren Empfindungen etwas preisgeben, die in der Konsequenz der Äußerung ihres Mannes entstanden sind, dann könnte SIE eine Ich-Botschaft aussenden. Eine Möglichkeit wäre: "Ich fühle mich jetzt ganz konfus!" Die übermittelte Information ist diegleiche, der Empfänger gerät aber nicht in die Situation, sich verteidigen zu müssen. Mit der Ich-Botschaft kann somit der sich ansonsten anbahnende Streit vermieden werden.

Das Teufelskreis-Modell nach Schulz von Thun

Nicht jede Kommunikationsproblematik hat einen derartig konkreten Hintergrund, wie das letzte Beispiel. [Fliessendes Objekt]

Nach dem Teufelskreis-Modell (www.schulz-von-thun.de) lassen sich viele Auseinandersetzungen zwischen Paaren auf das sich dynamisch fortsetzende, gegenseitige Mißverstehen zurückführen. Die Beteiligten erleben sich "nur" als Reagierende auf das Verhalten des anderen. Watzlawick schildert in diesem Zusammenhang als Beispiel ein Ehepaar, bei dem SIE sich beklagt, vom Mann alleine gelassen zu werden und ER deshalb weggeht, weil er die ständigen Klagen seiner Frau nicht mehr hören will.

Das Kommunikationsquadrat nach Schulz von Thun

Hätte dieses Ehepaar das Kommunikationsquadrat von Schulz von Thun gekannt, hätte es aus dem Teufelskreis ausbrechen können! Von Thun hat mit diesem auch als "Vier-Ohren-Modell" bekannten Erklärungsansatz (www.schulz-von-thun.de/mod-komquad.html) eine eindringliche Darstellung der zwischenmenschlichen Kommunikation geschaffen.[Fliessendes Objekt]

Danach ist jede Äußerung auf vierfache Weise wirksam:

  1. als Sachinformation (worüber informiert wird)
  2. als Selbstkundgabe (was ich von mir zu erkennen gebe)
  3. als Beziehungshinweis (was ich vom Gegenüber halte und wie ich zu ihm stehe)
  4. als Appell (was ich bei meinem Gegenüber erreichen möchte)

Ein einfaches Beispiel aus dem Alltag unseres Paares soll verdeutlichen, was damit gemeint ist. ER sagt zu IHR: Schön, daß du mal wieder einen Kuchen gebacken hast!

An dieser Stelle wird es - gerade im Hinblick auf das weiter oben Erörterte - evident, wie vielschichtig die menschliche Kommunikation ist, wovon es überall abhängt, wie eine Äußerung des Senders beim Empfänger ankommt. Würde ER aus seinem kritischen Eltern-Ich heraus sprechen und SIE sich in's Kind-Ich versetzt fühlen, würde die Kommunikation vermutlich gemäß dem eben skizzierten Teufelskreis verlaufen.

Kommen wir auf unser Beispiel zurück: Der Sachinhalt der Bemerkung ist: "Der Kuchen schmeckt mir gut!" Die Selbstoffenbarung: "Ich habe Kuchen lange vermißt!" Der Beziehungshinweis: "Du vergißt zu oft, daß ich Süßes mag!" und der Appell: "Back mal öfter!"

Wir müssen uns bewußt werden, daß die Nachrichten, die wir austauschen, mehrere Botschaften gleichzeitig enthalten und daß die informelle keinesfalls die wichtigste sein muß. Hier liegen Segen und Fluch der Paarkommunikation nahe beieinander: Ein Paar (laut Duden zwei zusammengehörende Personen) sollte sich so gut kennen, daß die Bedeutung aller vier Botschaften zumindest andeutungsweise erkannt wird, die Realität lehrt uns jedoch, daß dies selbst bei langjährigen Ehepaaren sehr häufig nicht der Fall ist.

Die Komplexität des Vorganges wird dadurch noch erhöht, daß beide Seiten - gesetzt den Fall, der Empfänger hat alle vier Botschaften entschlüsselt, oder zumindest in ihrer Bedeutung annähernd erfaßt - die Kernaussage nicht in der selben Botschaften sehen müssen. Je nach dem, welches der vier Ohren (nach Schulz von Thun das Sachohr, das Selbstoffenbarungsohr, das Beziehungsohr, das Appellohr) die Nachricht aufnimmt, bzw welche der vier Botschaften bevorzugt wird, so unterschiedlich kommt die Nachricht an.

Betrachten wir das anhand unseres Beispiels. ER möchte IHR klarmachen, daß es seinem Gefühl nach schon lange mal wieder Kuchen hätte geben können. Da er das aber so nicht formulieren will, umschreibt er es mit der indifferenten Äußerung, es sei schön, daß sie mal wieder Kuchen gebacken habe. Er offenbart sich selbst, indem er mit dem "Selbstkundgabe-Schnabel" (Schulz von Thun) seine Intention zwar äußert, sie allerdings neutral verpackt. SIE nimmt die Botschaft beispielsweise mit dem Appell-Ohr auf und hört daher primär nicht, es sei schön, daß sie "mal wieder" gebacken habe, sondern vordergründig den Appell, daß das nicht oft genug gewesen sei!

Nach Prof. Linus Geisler "...neigen beispielsweise Männer in technischen oder akademischen Berufen dazu, selektiv mit dem Sachohr zu hören und außer dem Sachinhalt einer Nachricht keine der anderen Botschaften zu empfangen. Ehepaare hingegen, insbesondere, wenn sie sich in einer kritischen Phase befinden, empfangen nur noch auf dem Beziehungsohr und sind zu einer sachlichen Aussprache nicht mehr in der Lage. Sie liegen sozusagen ständig auf der "Beziehungslauer."" (www.linus-geisler.de/ap/ap05_botschaften.html)


Metakommunikation

Kommunikation läuft zwangsläufig immer auf zwei Ebenen ab: auf der Ebene der eigentlichen Mitteilung und der Ebene der Metakommunikation . Nach IBW, Gesprächstechniken der Paar- und Familientherapie, S.119, ist die Metakommunikation eine Mitteilung über die Mitteilung, oder, wie es in anderen Quellen heißt, das Phänomen der Metakommunikation bedeutet Kommunikation über Kommunikation, also eine "Auseinandersetzung über die Art, wie wir miteinander umgehen, und über die Art, wie wir die gesendeten Nachrichten gemeint und die empfangenen Nachrichten entschlüsselt und darauf reagiert haben". (Schulz von Thun).

Man unterscheidet zwischen impliziter und expliziter Metakommunikation. Die implizite Metakommunikation ist in der normalen Kommunikation schon mit dem "So-ist-das-gemeint-Anteil" enthalten. Die explizite Metakommunikation ist (wie gesagt) die Kommunikation über die Kommunikation. Die Kommunikation wird mit Abstand, bzw. aus einer anderen Perspektive heraus analysiert. ("Feldherrenhügel" nach LANGER)

Sinn der Metakommunikation ist es, die Wahrheit der Situation zu fördern, indem man mit gezielten Fragen Aussagen zur Situation bekommt. Allgemein dreht sich die Metakommunikation hauptsächlich um die Fragen: "Was geht jetzt in mir vor? Wie erlebe ich dich? Was spielt sich zwischen uns ab?" Man erhält in der Metakommunikation Aussagen über:

- Den Zustand und die Absichten des Senders

"Ich bin unsicher, ob das stimmt."

- Den Zustand und das Verständnis des Empfängers

"Verstehst du, was ich meine?"

- Die Beziehungen zwischen den Kommunikationspartnern

"Als Freunde können wir offen miteinander reden."

- Den Inhalt der auszutauschenden Mitteilungen

"Verträgst du die volle Wahrheit?"

- Die Form der auszutauschenden Mitteilungen

"Das sollten wir schriftlich fixieren."

(Horst Avenarius, Was ist Metakommunikation? PR Forum 6. Jg. (2000), Nr. 2, S. 46 )

Das zweites Axiom von Paul Watzlawick lautet: "Jede Kommunikation hat einen Inhalts- und einen Beziehungsaspekt, derart, dass letzterer den anderen bestimmt und daher eine Metakommunikation ist." Somit verfügt jede Mitteilung nicht nur über einen bestimmten Inhalt, sondern auch über "einen Hinweis darauf, wie ihr Sender sie vom Empfänger verstanden haben möchte. Sie definiert also, wie der Sender die Beziehung zwischen sich und dem Empfänger sieht und ist in diesem Sinn seine persönliche Stellungnahme zum anderen." Watzlawick stellt daher fest, dass jedermann, der kommuniziert, gleichzeitig auch metakommunizieren muss (Menschliche Kommunikation 1990) .

Und so, wie in der "normalen" Kommunikation der metakommunikative Anteil zum besseren Verständnis der Botschaft beiträgt, wird im Rahmen der destruktiven Kommunikation der metakommunikative Anteil für entsprechend destruktive Zwecke ausgenützt: "Wie du das schon wieder gesagt hast!" "Allein dein Tonfall zeigt, daß du das ganz anders gemeint hast!" "Dein Gesichtsausdruck spricht Bände!"


Rückkopplung

Das Gegenteil dessen, was mit dieser Art negativer Metakommunikation erreicht wird, kann die Rückkopplung (siehe auch: IBW, Analytische Gesprächsführung, S. 133, ff) bewirken. Nachdem als wahr gilt, "...was der Empfänger verstanden und nicht, was der Sender gesagt hat" (IBW, a.a.O.), wird auch verständlich, warum in der nachträg- lichen Beurteilung eines Gespräches so viele Mißverständnisse auftreten können. Nach dem eben geschilderten Vier-Ohren-Modell geht es ja nicht nur darum, was der Sender in realiter gesagt hat, sondern seine "Wahrheit" ist die, wie sie in der von ihm beabsichtigten Botschaft (in unserem Beispiel oben die Wahrheit des Selbstkundgabe-Schnabels!) enthalten ist. Diese Wahrheit - also eine von vier Möglichkeiten - wird sich ihm als seine getätigte Äußerung einprägen. Das gleiche gilt für den Empfänger. Die Wahrscheinlich- keit, daß Sender und Empfänger im Nachhinein von der selben Wahrheit ausgehen, wenn es für jeden vier verschiedene Wahrheiten geben kann (nach der Mathematik gibt es 4! {lies: vier Fakultät} mögliche Lösungen, also 24 an der Zahl!), diese Wahrscheinlichkeit ist eigentlich so gering, daß eine vollständige Übereinstimmung in der Beurteilung über ein Gesprächsergebnis schon fast wie ein kleines Wunder anmutet.

In diesem Zusammenhang sei noch auf eine amerikanische Untersuchung verwiesen (veröffentlicht laut "Psychologie heute", Feb. 2005, in Current Directions in Psychological Science, Bd. 13/4, 2004), wonach sich das Erinnerungsvermögen an eine explizite Situation verschlechtert, wenn währenddessen versucht wird, die Gefühle zu verstecken! Gerade Männer neigen dazu, sich in Auseinandersetzungen als "cool" zu präsentieren, nichts von ihren Gefühlen zu verraten. Somit kann zur eben erörterten Vielzahl an möglichen "Wahrheiten" über eine Botschaft auch noch eine Trübung der Erinnerung kommen!

Mit der Rückkopplung, auch feedback-Methode genannt, kann dieser Gordische Knoten zertrennt werden: Durch eine Rückfrage, z.B. "habe ich richtig verstanden, daß..." läßt sich ein gut Teil mehr Klarheit schaffen. Wir dürfen allerdings nicht übersehen, daß dem feedback im Rahmen einer destruktiv ablaufenden Kommunikation enge Grenzen gesetzt sind. Zum Einen muß die Rückkopplung bewußt als Mittel zum positiven Zweck eingesetzt werden, und zum Andern muß mein Gegenüber bereit sein, darauf einzugehen!


Unvollständige Kommunikation

Auf einer etwas anderen Ebene spielt sich die unvollständige Kommunikation ab. (IBW, Gesprächstechniken der Paar- und Familien- therapie, S. 124,ff). Dabei wird vom Sender die eigentliche Nachricht nur in Teilen, eben nicht vollständig, weitergegeben, so daß der Empfänger, um den Sinn zu verstehen, darauf angewiesen ist zu raten. Wenn die (unvollständige!) Botschaft in ihren verbalen und nonverbalen Teilen übereinstimmt, sprechen wir von kongruenter, ist sie in sich widersprüchlich, von inkongruenter Kommunikation.

Nehmen wir als Beispiel wieder die Mülleimerszene. ER kommt aus dem Büro nach Hause, SIE hat sich den ganzen Tag im Haushalt abgehetzt, macht gerade das Abendessen und stellt fest, daß der Mülleimer voll ist. Eine unvollständige, aber kongruente Botschaft wäre der Ausruf: "Jetzt ist dieser Mülleimer schon wieder voll!" Unvollständig natürlich, weil der zweite Teil der Botschaft, was mit dem Eimer zu geschehen hat, nicht folgt. Es könnte ja auch sein, daß laut Arbeitsteilung innerhalb der Familie der Sohn an diesem Tag den Eimer zu leeren gehabt hätte. Die Kongruenz ist deshalb gegeben, weil - wie aus der Wortwahl zu schließen - es sich um einen ärgerlichen Ausruf über einen ärgerlichen Sachverhalt handelt.

Es widerspricht zwar aller Lebenserfahrung, aber die Botschaft könnte natürlich dann auch inkongruent sein, wenn SIE diesen Satz mit zuckersüßer Stimme singen würde! Suchen wir uns aber ein realistischeres Beispiel. SIE sagt, allerdings in gespielt freudigem Tonfall (mit Betonung auf den markierten Silben): Es ist ja wirklich phantastisch, jetzt ist dieser wunderbare Mülleimer endlich einmal voll!" Mit dieser Botschaft kann der Empfänger nichts anfangen, sie ist inkongruent. Weder Wortwahl noch Tonfall passen zur Realität, ein voller Mülleimer ist ja i.d.R. nichts Positives.

Wir haben weiter oben erörtert, daß Männer lösungsorientiert und gradlinig sind (man höre sich nur den Monolog von Professor Higgins in "My fair Lady" an:

Men are so honest, so thoroughly square;
Eternally noble, historically fair!).

Die gradlinige Lösung (um bei Prof. Higgins zu bleiben) für die kongruente Botschaft ist, daß ER sagt, "dann bringe ich dir den Müll halt runter". Bei der inkongruenten Botschaft ist die männliche Reaktion ganz anders. Gerade die Differenz zwischen Tonfall und der hintergründigen Kernaussage, empfindet ER als bitterbösen Sarkasmus, als ob nicht SIE selbst den ganzen Abfall verursacht hätte! Womit die Notwendigkeit, die Leerung anzubieten, für ihn achselzuckend entfällt.

Es ist vollständig unerheblich, ob der Empfänger die unvollständige Botschaft durch Raten oder sonstwie entschlüsseln kann, oder ob er nachfragen muß. Der Weg in den oben genannten "Teufelskreis der Kommunikation" (Schulz von Thun) ist nicht weit. Fehlt dem Empfänger die Möglichkeit, die fehlenden Aussageteile zu interpolieren, oder unterscheidet sich beispielsweise der Nachrichteninhalt allzu sehr von der Stimmlage des Senders, wird sich der Empfänger angegriffen oder hilflos fühlen und dadurch eine Aggressivität entwickeln, die in den Teufelskreis führt. Ob es nun zu der schnellen Lösung, die durch die feedback-Methode gegeben wäre, kommt, hängt von verschiedenen Faktoren ab. Ganz banal z.B. davon, ob der Empfänger diese Technik als Kind vermittelt bekommen oder im Laufe seines Lebens erlernt hat. Viele Eltern motivieren ihre Kinder nicht zu Rückfragen, bzw. gehen aus Bequemlichkeit nicht darauf ein oder reagieren verärgert. So bekommt das Individuum vom Kindesalter an vermittelt, daß Aussagen (von Respektspersonen, wie Eltern, Lehrern, usw.) absolut sind und hingenommen werden müssen. Die Rückkopplung erhält somit eine negative Prägung, die bis in's Erwachsenenalter gilt.

Ein nicht unwesentlicher Faktor ist auch der Bildungsstand, je höher dieser ist, um so größer ist die Wahrscheinlichkeit, daß der Empfänger (aber das gilt auch für den Sender) für solche Situationen hilfreiche Kommunikationstechniken kennengelernt hat.


Geschlechtsspezifische Besonderheiten der Paarkommunikation

Bislang ist bei unseren Überlegungen, wenn überhaupt eine Unterscheidung notwendig war, nach Sender und Empfänger einer Botschaft unterschieden worden; wurde nach Mann und Frau differenziert, war die Zuordnung eher beliebig. Diese Praxis müssen wir ab jetzt aufgeben und explizit nach Geschlechtern unterscheiden, da es bei der heterosexuellen Paarkommunikation ganz extrem darauf ankommt, ob ER oder SIE als Sender oder Empfänger fungieren.

Der Mann kommuniziert vorwiegend rational und sachbezogen, die Frau vorwiegend emotional (diese und alle anderen vergleichbaren Aussagen sind, wie überall dort, wo es um die menschliche Psyche geht, als relativ zu bewerten, deshalb die Einschränkung: vorwiegend). Das größte Problem besteht darin, daß sich beide Geschlechter dieses Unterschiedes i.d.R. nicht bewußt sind. Vom Partner wird erwartet, daß er genau so denkt und fühlt, wie man/frau selbst.

Der Unterschied ist evolutionsbedingt. In der Frühzeit der menschlichen Entwicklung ging der Mann auf die Jagd und mußte kämpfen, um die Familie zu ernähren und zu beschützen. Wer das nicht konnte, konnte sich nicht fortpflanzen. Männer sind somit eher ergebnisorientiert.

Im Gegensatz dazu war die Frau für den Zusammenhalt der Familie zuständig, sie teilte die knappen Futterresourcen zu und mußte Sozialkompetenz entwickeln. Frauen sind eher beziehungsbewußt.

Männer definieren sich über Macht, Erfolg, Autonomie und Kompetenz, Frauen dagegen legen Wert auf Beziehung, Harmonie, Kommunikation über Gefühle. Frauen haben die Fähigkeit entwickelt, Bedürfnisse des anderen intuitiv zu erspüren und setzen das Gleiche vom männlichen Partner voraus, was dieser aber in der Evolution nicht entwickelt hat. Daraus resultiert ein grundlegender Denkfehler der Frau: Wenn er mich lieben würde, müßte er doch wissen, was ich mir wünsche, was ich brauche, womit er mir helfen könnte, usw.

Die archetypische Mädchenerziehung legt fast immer Wert auf Bescheidenheit und Zurückhaltung. Mangelnde Wahrnehmungsentwicklung der eigenen Bedürfnisse, die folglich auch in der Partnerschaft nicht kundgetan werden können, führen zwangsläufig zu Konflikten. Springt eine Frau dann endlich einmal über den eben geschilderten "Schatten" ihrer Erziehung und bittet ihren Mann um etwas, wagt sie es nicht, die Bitte offen und klar auszusprechen. Statt: "Bringe doch bitte den Müll runter!", formuliert sie dann (für den eigentlichen Zweck ihrer Nachricht) sehr unklar, sie sei heute wegen der Kinder andauernd rauf und runter gelaufen und der Mülleimer sei auch zu klein!

Der lösungsorientierte Mann beschließt darauf, erstens die Kinder anzuhalten, nicht ständig nach der Mutter zu rufen und zweitens einen größeren Mülleimer zu kaufen!

Mit unseren bisher erörterten Erklärungsansätzen kommen wir hier nicht weiter. Der Empfänger kann die Nachricht nicht als unvollständig auffassen, zumindest für ein männliches Ohr klingt sie sehr komplett und umfassend. Um die Nachricht zu verstehen, bedarf es keiner Rückkopplung und sie enthält auch keine Satzteile, die nach einer Frage oder Bitte aussehen, woraufhin "Mann" tätig werden müßte!

Selbst wenn ER sich hier an das Vier-Ohren-Modell erinnern würde, würde er getrost die Sachinformation als "verstanden" abhaken. Mit dem Selbstkundgabe-Ohr hätte er ihre gehabte Mühe und Arbeit verständnisvoll registriert, sein Beziehungsohr hätte ihm vermittelt, daß hier Mitgefühl und ein verständnisvoller Kuß notwendig seien, und das Appellohr hätte die oben geschilderten Beschlüsse initiiert.

SIE wird den Kuß verständnislos, vermutlich sogar als Verhöhnung ihrer, in ihren Augen klar zum Ausdruck gebrachten Bitte hinnehmen und frustriert und Türen knallend den Mülleimer selber leeren. ER versteht ihre Reaktion überhaupt nicht und hält sie für launisch. Jede darauf folgende Kommunikation wird mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit destruktiv verlaufen!

Der Mann handelt, wie gesagt, lösungsbewußt und zielorientiert und setzt alles daran, auftretende Schwierigkeiten selbst zu meistern, ohne Rat zu suchen oder um Hilfe zu bitten. Das hieße, Schwäche zu zeigen. Die Frau dagegen ist glücklich, wenn ihr Hilfe, gleich welcher Art, angeboten wird und empfindet das als Wertschätzung ihrer Person.

Eine Frau läßt ihrem Partner all ihre Liebe zukommen, selbstverständlich verbunden mit Fürsorge und Ratschlägen aller Art, so, wie sie es für sich selbst als positiv empfinden würde. Eine auf dieser Basis aufbauende Kommunikation ruft beim Mann entsprechende Abwehrreaktionen hervor, da er das Gefühl meint vermittelt zu bekommen, von seiner Frau für inkompetent angesehen zu werden. Als Beispiel sei nur auf die allseits bekannte Situation verwiesen, wenn ER und SIE im Auto in der fremden Stadt unterwegs sind. SIE möchte unbedingt einen Passanten nach dem Weg fragen, während ER meint, das Ziel auch so zu finden. Gespräche dieser Art werden nahezu ausschließlich destruktiv geführt!

Bleiben wir beim lösungsorientierten Denkansatz des Mannes, der natürlich auch und gerade in der Kommunikation gilt. Frauen verarbeiten ihre Probleme vorwiegend kommunikativ, das heißt, sie wollen immer und immer wieder darüber sprechen, da das die diesbezüglich aufgebaute innere Spannung löst. Während FRAU also die ständige Wiederholung zur Verarbeitung braucht, fühlt MANN sich aufgefordert, hier problemlösend tätig zu werden. Seinen Vorschlag zur Beseitigung der Schwierigkeiten, nur und ausschließlich gut gemeint, vielleicht noch verbunden mit der Äußerung "ist doch nicht so schlimm", erlebt SIE als Kränkung: Ihr Mann nimmt sie offensichtlich nicht ernst. ER weiß nur nicht, daß SIE ihren emotionalen Streß abbaut, indem sie immer wieder über ihre Gefühle kommuniziert!

Der Problemlösungsansatz des Mannes ist anders. Er möchte die Schwierigkeiten für sich behalten, auf Abhilfe sinnen und sie lösen. Ist eine schnelle Lösung nicht möglich, setzt ein Verdrängungsmechanismus ein: Die problembehafteten Gedanken werden weitestgehend aus- und dafür ein Kompensationsprogramm eingeschaltet, Sport treiben, in die Kneipe gehen, sich einfach mit etwas ganz anderem beschäftigen. Dadurch entsteht für eine gewisse Zeit eine innere Entspannung, bis man sich wieder mit neuen Kräften mit dem Problem beschäftigen kann.

Solange sich die Probleme personenspezifisch unterscheiden, also jeder mit seinem eigenen Problem zu kämpfen hat, kann jeder letztlich noch nach seiner eigenen Façon vorgehen. Beliebig kompliziert wird es aber, wenn das Paar, was wohl eher die Regel ist, ein gemeinsames Problem hat. Die beiden geschlechtsspezifischen Lösungsstrategien sind natürlich in der Praxis kaum vereinbar. Die Frau findet kommunizierend zu innerer Ruhe, der Mann durch Abschalten oder Verdrängen. Da man, wie wir wissen, nicht nicht kommunizieren kann, die Frau verbal, der Mann nonverbal das Problem lösen möchte, führt auch hier der Weg mehr oder minder zwangsläufig in die destruktive Kommunikation. Nur das Wissen um die verhängnisvollen Mechanismen, die im Unterbewußtsein ablaufen, kann den Teufelskreis unterbrechen.


Generalisierungstendenz

Wie schon unter den geschlechtsspeziischen Problemen beschrieben, kommunizieren Männer vorwiegend rational, während bei Frauen der emotioanle Aspekt im Vordergrund steht. Ein beliebiger Sachverhalt macht es für die Frau erforderlich, eine Botschaft auszusenden. Die geschlechtstypische Tendenz zur Generalisierung und Emotionali- sierung der weiblichen Sprache gibt der Botschaft für die Senderin selbst von vorneherein eine andere Bedeutung, als für den Mann, der die Nachricht mit dem Sachohr wörtlich aufnimmt. Nie gehen wir aus! Alles geht schief! Keiner hilft mir! Das sind drei von zahllosen Möglichkeiten, ein Gespräch zwischen Mann und Frau schon im Ansatz destruktiv zu machen. Was die Frau emotional meint und, um es für den Gesprächspartner zu verdeutlichen, in der Aussage generalisiert, führt beim Mann zu schroffen Reaktionen.

Ein Beispiel: SIE kommt am Abend müde vom Büro oder der Großmarktkasse nach Hause und in der Küche stapelt sich noch das Frühstücksgeschirr. ER kam kurz zuvor und sitzt am PC. Mißmutig macht sie sich an die Arbeit. Beim Abendessen wirft sie ihm vor, sie sei hundemüde, und er würde ja auch NIE in der Küche helfen. ER reagiert verärgert und ohne Verständnis, erst vorgestern und am letzten Sonntag habe er den ganzen Abwasch erledigt, wie könne sie nur behaupten, er würde NIE helfen?!

SIE: Mein Gott, bist du kleinlich, nun lege doch nicht jedes Wort auf die Goldwaage!

ER: Ich habe nur ganz konkret auf deinen Vorwurf geantwortet, der einfach nicht stimmt!

Was läuft hier ab? Pointiert ausgedrückt kann man feststellen, daß der Mann angesichts des schmutzigen Geschirrs seinen Problemverdrängungsmechanismus aktiviert und sich zuerst für Entspannung entschieden hat, oder - lösungsbewußt und zielorientiert - die Menge an Geschirr als klein genug einstuft, um sie zusammen mit dem unweigerlich anfallenden Abwasch nach dem Abendessen zu erledigen, vielleicht sogar mit der ernsten Absicht, SIE nach dem Essen zärtlich aber bestimmt aus der Küche zu schicken! Somit war für ihn überhaupt keine Notwendigkeit gegeben, sich sofort an die Spüle zu stellen - problemorientiert war diese Tätigkeit für später vorgesehen.

Die Frau fühlt sich i.d.R. für den Haushalt verantwortlich, selbst dann, wenn definierte, größere Teile der Arbeit absprachegemäß vom Mann erledigt werden. Die abendliche Rückkehr in einen unordent-lichen, schlampigen Haushalt - nur das Geschirr ist nicht gespült - (1. Beispiel für Tendenz zur Generalisierung) ist für die Vielzahl aller Frauen ein unerfreulicher Gedanke, sie fühlen sich eben für die Gesamtheit verantwortlich. Wenn dann der Mann Zeitung liest, am PC sitzt, oder sonstwie entspannt, wird dieser Anblick emotional aufgegriffen ("Alles muß ich alleine machen"), ohne die Absichten des Partners zu erkunden. Dann kommt der Vorwurf, er würde NIE helfen (2. Beispiel für Tendenz zur Generalisierung).

Sachlich betrachtet müßte man hier feststellen, daß SIE im Unrecht ist, bei erwachsenen Menschen und gleichberechtigten Partnern sollte man davon ausgehen können, daß miteinander gesprochen wird und man solche Minimalproblemchen im Vorfeld abklärt. Im menschlichen Miteinander gibt es aber "das" sachlich richtige Verhalten, "die" korrekte Durchführung einer zwischenmenschlichen Interaktion nicht, da die Prägung durch Elternhaus und persönliche Entwicklung für eine absolute Vielschichtigkeit des persönlichen Verhaltens gesorgt hat. Die Überlegung, wer sich sachlich richtig verhält und wer nicht, ist also unzulässig. Wir müssen vielmehr darauf abheben, wie sich jeder persönlich zu verhalten hat , um mit dem Partner nicht destruktiv kommunizieren zu müssen, sondern produktiv kommunizieren zu können.


Verdrängungsstrategie und verdeckte Kommunikation

Findet in einer Beziehung keine offene Kommunkation statt, d.h. wird eine Diskussion über die Verschiedenartigkeit der Bedürfnisse und Gedanken unterdrückt, und werden diese nur unterschwellig übermittelt, dann spricht man von verdeckter Kommunikation (IBW, Gesprächstechniken der Paar- und Familientherapie, S. 26, ff). Natürlich kann jede Kommunikation "verdeckt" geführt werden, aber wir sprechen hier ja gezielt über die Paarsituation.

Wie kann es erklärt werden, daß es gerade in einer mehr oder weniger engen Paarbeziehung zu einer Ausklammerung der eigenen Bedürfnisse kommt? Eine ganze Reihe von Gründen haben wir oben schon behandelt. Nach der Lebenserfahrung kommunizieren mehr Frauen, als Männer verdeckt. Das ist nicht zuletzt auf die geschlechterspezifische Erziehung zurückzuzuführen, die die weibliche Dulderrolle lehrt. Dann kommt es auf das elterliche Lebensmodell, auf die Familien-regeln, auf die explizite Erziehung an, welche Rolle wurde der Mutter hier zugestanden? Konnte das Kind (also vorwiegend das Mädchen) Selbstbewußtsein entwickeln? Sind die Vorzeichen vorwiegend negativ, und hat in der weiteren Entwicklung keine "Umpolung" stattgefunden, ist die (der) Betreffende prädestiniert für die verdeckte Kommunikation.

Neben den genannten gibt es aber noch weitere Gründe als Auslöser für diese verbreitete Verhaltensweise. Einer der wichtigsten ist bei Ehepaaren in der Art der Beziehung zu finden, die die beiden Partner zueinander unterhalten, also letztendlich auch abhängig vom Zweck der Gemeinschaft, bzw. Ehe. Wenn der Fortbestand der Ehe größeres Gewicht hat, als das Wohlbefinden des Einzelnen, wenn (man)/Frau also lieber Ungemach erduldet, als auf die finanziellen und sozialen Vorteile zu verzichten, die der Fortbestand der Ehe bietet, dann führt, rein kommunikativ betrachtet, der Weg in die verdeckte Kommunikation!

Um eine Erklärung zu finden, warum man/frau sich so verhält , müssen wir uns nach dem Grund fragen, aus dem diese Partnerschaft geschlossen wurde. Entwicklungsgeschichtlich gesehen ist der Hauptgrund einer Verbindung die Arterhaltung, was - zweckorientiert und nicht als einziger Grund - für einen kleineren Teil der Ehen auch heute noch gelten mag, man denke nur an Familienbetriebe, Landwirtschaft oder Adelshäuser: Die Firma, der Hof, der Titel soll in der Familie bleiben.

Für Frauen spielt der Versorgungsgedanke für sich selbst und zukünftige Kinder eine wesentliche Rolle (entwicklungsgeschichtlich: Brutabsicherung), wobei in diesem Zusammenhang natürlich auch noch die Männer zu sehen sind, die aus ihrer kindlichen Unselbständigkeit nicht herausfinden und zwingend einen Mutterersatz suchen. Im weiteren Sinne gehört dazu auch noch der Wunsch, durch die Bindung in der Ehe sozial aufzusteigen, wie es sonst vielleicht nicht möglich gewesen wäre.

Für unsere Überlegungen ist als Ehezweck noch relevant, einen Partner zu haben, der anders ist, als man selbst, der vielleicht Eigenschaften hat, die man an sich vermißt. Man kann am Anderen das Selbstbewußtsein bewundern, die Stärke oder innere Ruhe, über die man persönlich nicht verfügt. Gegensätze ziehen sich an! Es kann, ganz konträr dazu, natürlich auch sein, daß der Partner ausgesucht wird, der das geringste Konfliktpotential verspricht, dem eigenen Selbst möglichst nahe kommt. Gleich und gleich gesellt sich gern!

Wohlgemerkt: Wir stellen diese Überlegungen nur im Zusammenhang mit unserem Thema an, befassen uns hier also nur mit dem kommunikativen Aspekt und klammern alles andere aus! Ist also die Partnerschaft (nach obigen Schemata) vorwiegend zweckorientiert, und erweist sich die ursprüngliche Voraussetzung, unter der man sich zur Ehe entschlossen hatte (Sicherheit, sozialer Aufstieg, bewunderte Charaktereigenschaften, usw.), als falsch, dann führt diese Frustration in einer Art Verdrängungsstrategie zum Schweigen über die eigenen Bedürfnisse - man/frau will den Fortbestand der Beziehung nicht gefährden!

Wir müssen noch einmal zu den Überlegungen zurückkehren, die wir eingangs dieses Kapitels angestellt haben. Dort sprachen wir noch von anderen Gründen, die zur Ausklammerung der eigenen Bedürfnisse führen (Prägung in der Ursprungsfamilie, Entwicklung der Persönlichkeit, usw). Jetzt können wir die Parallelen ziehen: Wenn das Mädchen zur Dulderrolle erzogen, wenn ihr kein Selbstbewußtsein vermittelt wurde, wenn sie ihre Mutter in der selben Rolle erlebt hatte, dann führt auch hier die Frustration letztendlich zur verdeckten Kommunikation.

Die Partner müssen jedoch lernen, ihre Bedürfnisse und Gefühle gegenüber dem anderen auszudrücken. ohne daß dieser sich angegriffen oder verletzt fühlt. Gelingt das nicht, und werden "...Diskussionen über die Verschiedenartigkeit der Bedürfnisse und Gedanken jedoch unterlassen, wird ein großer Teil der Kommunikation verdeckt. Das heißt, es findet keine offene Kommunikation statt, sondern die Bedürfnisse werden dem anderen unterschwellig übermittelt." (IBW, a.a.O.)

"Hättest du nicht Lust, Essen zu gehen, da hat doch ein neues Lokal aufgemacht," sagt die Frau, die am Sonntag nicht wieder stundenlang am Küchenherd stehen möchte, zu ihrem Mann.

"Möchtest Du nicht in's Kino gehen, da kommt der neue Film mit Julia Roberts, die dir so gut gefällt," sagt die Frau, die endlich wieder unter Menschen möchte!

Wenn der Empfänger nicht versteht, daß es sich bei diesen, an ihn gerichteten "Angeboten" eigentlich um verdeckte Bitten des Senders handelt, dann wird er die Partnerin mit einer Ablehnung vor den Kopf stoßen, ohne es beabsichtigt zu haben. Es ist sogar möglich und wahrscheinlich, daß bei einer späteren Auseinandersetzung dieses nicht explizit geäußerte Bedürfnis zu heftigen Vorwürfen führt: Immer muß ich am Herd stehen, nie komme ich unter Menschen!

Dieses Verhaltensmuster, Probleme nicht zu formulieren, sondern bestenfalls unterschwellig weiterzugeben, ist reine Verdrängungsstrategie. Dabei findet zwar auch Kommunikation statt, die sich, auch wenn sie nicht offen destruktiv ist, für die Beziehung aber als mindestens genau so zerstörerisch erweist.


Wirklichkeiten in der Kommunikation

Bei unseren bisherigen Überlegungen haben wir den jeweiligen Gesprächsgegenstand als gegeben, als real hingenommen, im Einzelfall, z.B. beim Kommunikationsquadrat, als abhängig vom jeweiligen Ohr, mit dem die Nachricht aufgenommen wurde. Das reicht nicht aus. Wir müssen davon ausgehen, daß Sender und Empfänger die Wirklichkeit unterschiedlich empfinden. Treffen sich zwei Menschen im Harz, sagt der eine: Wie hoch die Berge sind! Antwortet der andere: Überhaupt nicht! - Die Lösung ist naheliegend, der erste wohnt auf einer Nordseeinsel, der zweite in Garmisch!

Für beide ist die Wirklichkeit, so wie sie jeweils sehen, im verwendeten relativen Bewertungsschema (Berge sind hoch, bzw. Berge sind nicht hoch), absolut wahr und richtig und falls bei diesem Gesprächsstand keine Auflösung erfolgt ("auf unserer Insel gibt es nichts, was höher ist als 10 Meter" - "ach so, ich sehe tagtäglich die Zugspitze vor mir"), kann die Kommunikation nur destruktiv verlaufen, da jeder für seine Wahrheit streitet.

"Gelingt es Sender und Empfänger nicht, in einer identischen Wirklichkeit miteinander zu kommunizieren, so ist ein gegenseitiges Verstehen nicht möglich." (Linus Geissler; www.linus-geisler.de/ap/ap04_zuhoeren.html#ap04d)

Paul Watzlawick verdeutlicht das Phänomen der unterschiedlichen Wirklichkeiten in seinem Buch, "Wie wirklich ist die Wirklichkeit?", mit sehr eindrucksvollen Beispielen. Eine Laborratte erklärt einer anderen Ratte das Verhalten des Versuchsleiters so: Ich habe diesen Mann so trainiert, daß er mir jedes Mal Futter gibt, wenn ich diesen Hebel drücke! - Für den Versuchsleiter ist die Reizreaktionsfolge zwar gleich, aber er sieht in ihr eine andere Gesetzmäßigkeit, als die Ratte. "Obwohl beide also dieselben Tatsachen sehen, schreiben sie ihnen zwei sehr verschiedene Bedeutungen zu und erleben sie daher buchstäblich als zwei verschiedene Wirklichkeiten." (Watzlawick, a.a.O)

Es gibt sehr viele Wirklichkeitsauffassungen, die alle unterschiedlich sein können: Ein Mann kommt in den Himmel und trifft dort einen alten Freund, auf dessen Knien ein wunderhübsches junges Mädchen sitzt. "Phantastisch," sagt der Neuankömmling, "ist sie deine Belohnung?" "Oh nein," sagt der alte Mann traurig, "ich bin ihre Strafe." (Watzlawick, a.a.O)

Watzlawick nennt den Glauben, es gäbe nur eine Wirklichkeit, "die gefährlichste all dieser Selbsttäuschungen."

Es gibt auch keine absolute Wirklichkeit, sondern nur subjektive, zum Teil widersprüchliche Wirklichkeitsauffassungen. Wirklichkeitsaspekte, die auf dem Konsens der Wahrnehmung der Beteiligten und auf experimentellen, wiederholbaren und daher verifizierbaren Nachweisen beruhen, entsprechen der Wirklichkeit 1. Ordnung. Die Wirklichkeit 1. Ordnung ist nach Watzlawick mit naturwissenschaftlichen Methoden in physikalisch-chemischen Kategorien unzweideutig beschreibbar. Von ein und derselben Sache kann es jedoch sehr viele Wirklichkeiten 2. Ordnung geben, von denen jede subjektiv und sich gesehen "wirklich" ist.

"Die Sonne scheint" ist eine Wirklichkeit 1. Ordnung, die jederzeit naturwissenschaftlich nachzuweisen ist und von jedermann beobachtet werden kann. "Die Sonne scheint heiß" ist demgegenüber eine Wahrheit 2. Ordnung, schon der Nebenmann kann das anders empfinden, und ein Beobachter auf dem selben Längengrad weit im Norden, der die selbe Sonne beobachtet, wird ebenfalls seine eigene Wirklichkeit verspüren.

Hier drängt sich die Frage auf: Wie ist Kommunikation, als eine Verbindung zwischen zwei individuellen Wirklichkeiten überhaupt möglich? Thure von Uexküll, Nestor der Psychosomatischen Medizin (gest. 2004), gibt die Antwort: " Nur dadurch, daß es ihnen gelingt, eine gemeinsame Wirklichkeit aufzubauen."

ER sagt: "Bei meiner Mutter hat der Sauerbraten aber besser geschmeckt." SIE antwortet schnippisch: "Ich mache es aber genau so, wie ich es bei meiner Mutter gelernt habe." Hier wird mit Wahrheiten 2. Ordnung argumentiert, die die gemeinsame Wirklichkeit ausschließen. Wie kann eine gemeinsame Wirklichkeit gefunden werden? Hier können beide die Feedbackmethode anwenden, um zu erfahren, was der Gesprächspartner eigentlich mit seiner Äußerung gemeint hat. Was hat IHM beim Sauerbraten der Mutter besser geschmeckt? Wieviel davon ist der Erinnerung zuzuschreiben, die uns alles vergrößert, verschönt, verbessert? Was hat IHRE Mutter anders gemacht? Was könnte die Ursache sein, daß es IHM heute anders schmeckt? Auf dieser Basis baut dann die gemeinsame Wirklichkeit auf, die den destruktiven Anteil der Kommunikation eliminiert.


Abschlußbetrachtungen oder: Wie ist man ein guter Kommunikator?

Bei der abschließenden, reflektierenden Betrachtung der destruktiven Paarkommunikation müssen wir feststellen, daß die Kommunikation auch und gerade für Paare sehr viele Fallstricke bereithält, die beim Gespräch zwischen mehr oder weniger fremden Menschen nicht auf-treten. In der Paarkommunikation ist jedes Gespräch faktisch die Fortsetzung des letzten und daher u.U. schon von vorneherein negativ vorbelastet. In der Kommunikation mit Außenstehenden schränken die allgemein praktizierten Regeln der Höflichkeit eventuelle Konflikt-möglichkeiten deutlich ein. Solche Differenzierungen gibt es noch viele und so ist es nicht verwunderlich, wenn festgestellt wird, daß die Qualität der Paarkommunikation über die Zeit hinweg abnimmt. Das bestätigen wissenschaftliche Untersuchungen. So auch die LBS-Familien-Studie (Wassilios E. Fthenakis/Bernhard Kalicki/Gabriele Peitz: Paare werden Eltern; Opladen 2002: Leske + Budrich)

[Fliessendes Objekt]

"Deutlich sind die Einbußen der Partnerschaftsqualität auf der Ebene der Paarinteraktion, also der Art und Weise, wie die Partner miteinander umgehen. Betrachtet man das Ausmaß von Kommunikation und Gemeinsamkeiten im Zeitintervall von der Schwangerschaft bis drei Jahre nach der Geburt des ersten Kindes, beobachtet man einen drastischen Abfall." (LBS-Studie; a.a.O.)

Zur Abrundung unserer Überlegungen soll mit zwei Zitaten von Prof. Dr. Guy Bodenmann (Koordinator des Instituts für Familienforschung und -beratung der Universität Fribourg) auf (1) besonders gefährliche Kommunikationsfallen hingewiesen und (2) der gute Zuhörer charakterisiert werden (http://www.unifr.ch/iff/alt/d/buchartikel/artikel/partngelingen.htm).

(1) Gefährliche Kommunikationsfallen

"Es haben sich insbesondere vier Kommunikationsmerkmale als besonders destruktiv für den Verlauf einer Partnerschaft herauskristallisiert:

destruktive Kritik (verallgemeinernde, negative Bemerkungen: z.B. "Du machst das ja sowieso nie"),

verächtliche, den Partner abwertende Bemerkungen

(z.B. "Aha, plötzlich interessierst du dich für andere Leute"),

defensive Kommunikationsmuster (häufiges Sich-Verteidigen bei gleichzeitigen Gegenangriffen und Rechtfertigungen; z.B. "Wieso soll ich das tun, du gibst dir ja auch keine Mühe, mir etwas zuliebe zu tun, und überhaupt...") sowie

Rückzug aus der Kommunikation und Gesprächsverweigerung (sich abwenden, rausgehen, den Partner ins Leere gehen lassen).

Paare, bei welchen diese vier Verhaltensstile in Gesprächen häufig zu beobachten sind, haben ein erhöhtes Scheidungsrisiko. Der amerikanische Paarforscher Prof. John Gottman konnte aufgrund der Häufigkeit des Auftretens dieser vier Kommunikationsfehler mit 80 bis 90% Wahrscheinlichkeit die Scheidung von Paaren vorhersagen." (Bodenmann; a.a.O.)

(2) Wie ist man ein guter Kommunikator / Zuhörer?

[Fliessendes Objekt]

(Bodenmann; a.a.O.)

Wollte man die Ausführungen zur destruktiven Paarkommunikation mit einer populistischen Erklärung kommentieren, so könnte man sagen, daß alles, was Kommunikation ausmacht, verwendet werden kann, sie destruktiv ablaufen zu lassen! Glücklicherweise lassen sich, mit gutem Willen bei den Beteiligten, die Probleme der Kommunikation, so vielschichtig sie im Ursprung sind, mit relativ wenigen, einfachen Mitteln in den Griff bekommen, das zeigen uns die Anweisungen von Bodemann, man muß sie nur beherzigen.



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